Biggis ESC-Tagebuch: Die „Big 5“ und Israel

Die "Big 5", das sind die Länder, die das meiste Geld in den Eurovision Song Contest investieren. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und das jeweilige Gastgeberland sind deshalb direkt für das Finale qualifiziert.

Good Luck

Good Luck (Bild: Biggi Müller)

Heute ist der erste Entscheidungstag: Aus 17 Bewerbern im ersten Halbfinale werden es nur zehn Songs ins Finale schaffen. Eliot tritt mit „Wake Up“ für Belgien mit der Startnummer 10 an. In den Einzelproben war der Auftritt um einiges besser, aber während der Show geht der 18-jährige aus Mons im Rahmen der anderen Beitrag etwas unter. Zu bombastisch sind zum Beispiel die Beiträge aus Australien, Island, Griechenland oder Portugal inszeniert.

Während die dritte Generalprobe läuft, die sogenannte Family-Show, stelle ich die Lieder der „Big 5“ und Israel vor. Im heutigen Halbfinale werden Frankreich, Spanien und Israel außer Konkurrenz gezeigt. Am Donnerstag folgen Deutschland, Großbritannien und Italien. Seid gespannt auf eine fulminante Eröffnung mit Netta und ihrem Song „Toy“. Dabei zeigt sie mutigerweise sehr viel Bein. Dana International ist der Pausenact. Die israelische Siegerin von 1998 („Diva“) wird „Just The Way You Are“ singen, während man per eingeblendetem Herz Zuschauer ins Bild setzt, die sich dann küssen sollen. Vier sind mindestens zwei zuviel, finde ich – und damit meine ich die Anzahl der Moderatoren.

Deutschland – Frankreich – Großbritannien

Laurita und Carlotta – die „S!STERS“ aus Deutschland – waren bei ihrer ersten Probe stimmlich voll da. Das war akustisch vom Feinsten. Hinsichtlich der Inszenierung gab es aber viele negative Stimmen. Zu Beginn wurde alles mucksmäuschenstill, was sich aber sehr rasch änderte, als die Debatten begannen. Im fulminanten Teil des Songs startete die bildreiche Rückprojektion mit vielen Fotos, die schwesterliche Zuneigungen symbolisieren. Da durfte weder das doppelte Feminin-Symbol noch der gut gemeinte Goldregen fehlen. Sagen wir es offen: Eine große Begeisterung entfachte die erste Probe des deutschen Beitrags hier nicht, was für die beiden tollen Sängerinnen ziemlich schade ist. Aber es ist ja noch etwas Zeit für die deutsche Delegation, die Luft nach oben optimierend zu schnappen. Inzwischen wurde die Inszenierung deutlich abgespeckt, aber ich wage die kühne Prognose, dass der deutsche Beitrag nach dem überragenden vierten Platz von Michael Schulte im vergangenen Jahr einen Platz im letzten Drittel haben wird.

Das Team aus Frankreich wurde hier mit viel Applaus begrüßt. Der Titel „Roi“ ist ein Plädoyer für Toleranz, besser Akzeptanz. Alles beginnt mit einem in Gold getauchten Kopf von Bilal Hassani, der mehr an eine Gottheit erinnert, als einen Roi. Der „König“ beginnt zu weinen. In diesem Moment erscheint Bilal Hassini auf der Bühne, im weißem Anzug und mit langen blonden Haaren. Projektionen von Schriftzügen, Slogans im Hintergrund wie „People judge me on a picture“. Eine stark übergewichtige Tänzerin kommt hinzu, im Hintergrund wird sie in schwarz-weiß beim Training projiziert. Ihr hat man gesagt, sie könne nie tanzen. Im Anschluss kommt eine taubstumme Frau mit asiatischem Aussehen. Die Botschaft ist klar: Jeder darf sein, wer und was er will. Eine fast religiöse Inszenierung. Das Problem: Der Zuschauer kann die vielen Inhalte kaum aufnehmen.  Wer diesen Song zum ersten Mal sieht, ist von der Informationsflut überfordert. Ein Auftritt, der mit Sicherheit polarisieren und zu Diskussionen führen wird. Ganz zum Schluss sieht man ein Bild aus der Kindheit des Künstlers, der wegen seiner Homosexualität und marokkanischen Herkunft gemobbt und bedroht wurde.

Ziemlich außer Atem ist Michael Rice aus Großbritannien am Ende seiner Proben. Das ist kein Wunder, denn er gibt wirklich alles und legt seine ganze Leidenschaft in sein „Bigger Than Us“. Die Lichttechnik bildet den jungen Mann etwas blass ab, was im Gegensatz zu seiner energiegeladenen Darbietung steht. Den langsamen Anfangsteil singt er im mystischen Nebel in schwarzweißer Stimmung, ehe es bei gesteigerter Songpower auch bunter wird. Zwar changiert das übliche blau-rote Lavalampen-Ambiente über die Hintergrundwand, doch spätestens beim Einsatz des noch unsichtbaren Chores – wird es recht emotional. Das steigert sich,  wenn der weiß gekleidete Gospelstimmenchor auf die Bühne schritt und sich mit Michael zu einem Kreis formiert. Das hatte Gänsehautqualität – zumindest für alle, die den starken, aber sicher auch recht konservativen Popsong mögen.

Italien  – Spanien – Israel

Wie schon Frankreich, setzt auch Italien auf einen Sänger mit einer starken Persönlichkeit, der seine eigene Geschichte erzählt. Mahmood ist wütend auf seinen Vater, dem es immer nur um Geld ging und der ihn im Stich gelassen hat. Die Gier nach „Soldi“ (Geld)  zerstört Beziehungen und deshalb wird das Geld symbolisch auf Projektionen verbrannt. Fotos von Mahmood als Kind und Jugendlicher werden auf Bühne und Bildern projiziert. Als ob damit der Zorn noch unterstrichen werden sollte, reißt das Gesicht des Künstlers auf einer Projektion auf. Mahmood singt mit aggressiver Stimme. Auch hier werden wieder Schlagworte und Textbausteine eingeblendet. Aber es ist nicht nur eine persönliche Geschichte, der Song erzählt etwas, was uns alle angeht. „It hurts to be alive, if you lose your pride“ oder „Money can‘t buy you love.“  Keine leichte Kost, aber trotzdem oder gerade deswegen gehört er seit Wochen zu den Favoriten.

Auch Spanien sendet die Botschaft: Jeder soll so sein, wie er will. Doch ohne erhobenen Zeigefinger, ohne eingeblendeten Schlagworte, sondern mit guter Laune. Alles beginnt in einem Puppenhaus mit sechs Zimmern, das überdimensional auf der Bühne aufgebaut ist. Die einzelnen Zimmer sind spärlich eingerichtet. In einem Zimmer befindet sich Miki. Der Hintergrund wechselt seine Farben und schließlich kommt Miki die Treppe herunter und tanzt. Dann explodieren Farbflecken und werden zu einem bunten Feuerwerk. Ein Roboter bringt das Puppenhaus aus der Horizontalen und stemmt es etwa 45 Grad hoch. Das Leben ist aus dem Gleichgewicht und kommt dann doch wieder ins Lot, als der Mensch zu sich gefunden hat. Farbige Fingerabdrücke und eine ausgelassener Tanz von Miki und den Tänzern beenden den Auftritt.

Kobi Marimi aus Israel steht auf der Bühne in einem schwarzen Outfit, wirkt irgendwie pastoral. Schwarz gekleidet im Frack mit Fliege. Er singt mit viel Gefühl meist alleine, zeitweise wird er von vier Background Sängern unterstützt. Auf überdimensionalen Spiegelsplittern werden Projektionen gezeigt, unter anderem Kobi Marimis Gesicht. Eine Ballade, die aus einem Andrew Lloyd Webber-Musical wie dem Phantom der Oper stammen könnte. Stimmlich sicher und präsent – Kobi Marimi nimmt direkten Kontakt mit dem Zuschauer auf. Als schließlich Goldregen auf den Künstler herunterrieselt, gibt es kräftigen Applaus. „Home“ geht ins Ohr.

So, jetzt bin ich gespannt auf heute Abend. Um 21:00 Uhr (MESZ) startet das erste Halbfinale. Meinen nächsten Beitrag mach ich entweder mit Taschentuch oder im Freudentaumel…….

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150