Biggis ESC-Tagebuch: Die Lieder der ersten Halbfinales

In Israel wird gefeiert. Heute ist der Memorial Day und morgen israelischer Unabhängigkeitstag. Ganz Tel Aviv ist in Flaggen und Fähnchen getaucht. Das erste Halbfinale steht und die Konkurrenten von Eliot sind teilweise ganz schön schrill.

Das Logo des Eurovision Song Contest 2019 (Grafik: EBU)

Das Logo des Eurovision Song Contest 2019 (Grafik: EBU)

Die Menschen hier in Tel Aviv haben einen zum Teil trockenen Humor – vielleicht auch sarkastischer Fatalismus, den man lieben muss, wenn man ihn einmal durchschaut hat. Ein Busfahrer beispielsweise erklärte mir, dass heute Abend um 20:00 Uhr die Sirenen zur Eröffnung des Feiertags für eine Minute erklingen werden. Wenn ein durchgehender Ton erklinge, sei das ein Zeichen für den Nationalfeiertag, wenn der Sirenenton auf und ab gehe hingegen, dann sei das zu jeder Zeit ein Alarmzeichen für einen, wie er sagte „nice war“.

In einem israelischen Lokal erklärte mir dann der Besitzer, dass man in Israel mit Bedrohungen zu leben „gelernt“ habe. Seit der Geburt wisse man und habe man im Hinterkopf, dass immer etwas passieren könne und auch werde. Das sind viele spannende Gespräche und wer nach Israel fährt, sollte sich unbedingt mit den Menschen unterhalten.

Aber jetzt zurück zum Eurovision Song Contest, wo nun alle Länder des ersten Halbfinales einmal geprobt haben. Sicher kann man nach dem ersten Eindruck noch nichts endgültiges sagen, dafür sind die Interpreten zu aufgeregt. Da werden nicht immer alle Töne richtig getroffen und bis zum endgültigen Auftritt wird es noch Änderungen in Kameraführung und Ton geben, aber ein Trend ist immer schon zu erkennen. Die Teilnehmer in der Reihenfolge der Auftritte am 14. Mai 2019 um 21:00 Uhr (MESZ).

Zypern –  Montenegro – Finnland – Polen

Schon kurz nach dem letzten Song Contest, bei dem Zypern mit Eleni Foureira den sensationellen zweiten Platz belegt hatte, machte das Gerücht die Runde, dass die erfolgreiche Interpretin Tamta Goduadze als nächste Vertreterin der östlichsten Mittelmeerinsel antreten würden. Die 39-jährige, gebürtige Georgiern, die sowohl in Griechenland als auch in Zypern ein erfolgreicher Schlagerstar ist, präsentiert den Titel „Replay“, der stark an den Vorjahrestitel „Fuego“ angelehnt ist.

D Mol aus Montenegro präsentieren Ihr Lied „Heaven“ ganz in weiß gekleidet, zeigten aber am Anfang große stimmliche Abstimmungsschwierigkeiten und werden sicherlich in ihrem Hotel noch viel üben, denn die eigentlich so stimmgewaltige Gruppe fand noch nicht die richtige Mischung, obwohl sich die lebenslustige Truppe als eine große Familie fühlt. Auch das Küken der Gruppe, eine 16-Jährige, zeigte sich ganz angetan von der Eurovisionsstimmung.

Schon die Vorentscheidung in Finnland sei für Darude und Sebastian schon der gelebte Wahnsinn gewesen – umso ehrfürchtiger freuen sich die Finnen auf das Halbfinale, alleine der Gedanke daran und das so phantastische Eurovisionspublikum würde wahre Gänsehautgefühle bei beiden bewirken. So sei die Zeit seit der finnischen Vorentscheidung für die Jungs wie ein einziger Siegeszug, der mit dem triumphalen Einzug in das große Finale gekrönt werden soll. „Look Away“ sei inspiriert von ihn tief berührenden Erlebnissen in Indien und Delhi, anschließend habe sich Sebastian an das Klavier gesetzt und in nur 20 Minuten den finnischen Beitrag, der nichts minder als ein „Song der Veränderung“ sein soll, geschrieben. DJ Darude ist ein alter Hase im Showgeschäft: Im Jahr 2000 gelang ihm mit „Sandsturm“ ein Welthit.

Die Folk-Mädelsband Tulia aus Polen hat eine einzigartige Gesangstechnik, die nicht autodidaktisch erlernbar ist, sondern auf Grund der Schwierigkeit nur von wenigen auserwählten Experten vermittelt werden kann. Ihr Musikstil sei so angelegt, dass man darin alles, alles über die polnische Kultur erfahren und lernen könne. Früher hätten Arbeiter auf den Feldern oder Bergarbeiter mittels der von ihnen vervollkommneten Gesangstechnik miteinander kommuniziert. Für unsere Ohren ist „Fire of Love (Pali sie)“ jedenfalls erst einmal ungewohnt. Bei einem ersten Meet & Greet verzauberten die Damen die Journalisten mit einem Ausschnitt aus ihrem Album mit Coverversionen großer Hits. Sie sangen acappella den Metallica-Klassiker „Nothing Else Matters“. Ein stimmlicher Wahnsinn, eine Musikalität, bei der ich wahrhaft Gänsehaut bekam.

Slowenien – Tschechien – Ungarn – Weißrussland

Das Duo aus Slowenien reihte sich bei den ersten Proben in die Kandidatenschar der nach dem richtigen Ton Suchenden ein. Leider lässt bisher die Choreographie auch einen besonderen Einfall vermissen und Zala und Kaspar strahlen unendlich viel Ruhe aus. Vielleicht ist dies aber nach den lautstarken Polinnen ein bewusster Gegensatz, der Stimmen und Punkte holen kann. Bei ihrem Lied „Sebi“ zeigen die beiden aber, wie verliebt sie sind.

Tschechien wird von der Indie-Popgruppe Lake Malawi  vertreten. Das Lied „Friend to a Friend“ hat einen eingängigen Refrain, kann aber nicht in die Fußstapfen von Mikolas Josef aus dem vergangenen treten, der in Lissabon den sechsten Platz erzielte, den besten für Tschechien bisher.

Beim ersten Mal ist es immer etwas Besonderes, so dass der zweite Versuch immer mit Argusaugen beobachtet wird. Diese Lebensweisheit hat auch ihren eurovisionären Kern. Joci Papai aus Ungarn fehlt noch die vor zwei Jahren von ihm gezeigte kraftvolle Unbekümmertheit, so dass ihm eine gewisse Angestrengtheit anzumerken war. Schließlich kennt er ja aus Kiew den Eurovisionszirkus aus dem Effeff, was ihn mit seinem damaligen ausgezeichneten achten Platz merklich unter Druck zu setzen scheint. Sein Beitrag „Az én apám“ ein Lied über seinen Vater, der immer zu ihm, der er doch eher als Rebell anzusehen ist, gestanden habe. Das Lied kann man als rhythmische Midtempo-Ethno-Pop-Ballade bezeichnen.

ZENA aus Weißrussland ist mit 16 Jahren die jüngste Teilnehmerin dieses Jahres. Und sie ist stolz ihr Land in dem Alter vertreten zu dürfen. An Selbstbewusstsein fehlt es Zinaida Kupriyanovich, wie ZENA im richtigen Leben heißt, nicht. Im Vorfeld schon verriet, dass sie gerne unter den Top 5 landen will. Wer weiß, vielleicht gelingt ihr das mit ihrem unkomplizierten, tanzbaren Popliedchen „Like it“ ja erst schon mal im Halbfinale.

Serbien – Georgien – Australien – Island

Im vergangenen Jahr war Nevena Bozovic aus Serbien die Gastgeberin des Junior ESC und sie stellt einen großen Unterschied zwischen den beiden Veranstaltungen fest, hauptsächlich, weil bei der einen eben sehr viele Kinder sind. Auch durch diese Erfahrung, fühlt sie sich hier selbstbewusst genug. Sie geht mit dem Lied „Kruna“ , das sie selber kombiniert und geschrieben hat, ins Rennen.

Statisch stand Oto Nemsadze aus Georgien mitten auf der Bühne vor Gebirgs- und Schneelandschaften, die dann Feuer fingen, wozu dann der genau ausgerichtete, in einer Reihe stehende Chor nach vorne marschierte. Oto sparte noch mit seiner Stimme und hatte in den ersten Probedurchgängen hörbare Probleme, sich seinem Chor bis auf den letzten Halbton anzunähern. Ehrlich gesagt, mir persönlich ist „Sul tsin iare“ zu düster.

Kate Miller-Heidke vertritt in diesem Jahr Australien, das ja eine Sonderposition beim ESC einnimmt, aber inzwischen zum festen Teilnehmerfeld gehört. Optisch ist die Inszenierung zu „Zero Gravity“ eine Augenweide, Kate steckt dabei ebenso wie ihre beiden Begleiterinnen auf einer federnden Stange und alle schwangen elegant durch die Hallenlüfte. Dabei noch fehlerfrei singen zu können, erfordert viel Können, Standfestigkeit und vor allem Schwindelfreiheit.

Tja, zu Island etwas zu sagen, fällt mir schwer!  Choreographisch mit viel Pyrotechnikeinsatz inszeniert ist vom Lederoutfit, dem ekstatisch lasziven Kriechen auf allen Vieren über die Bühne, einem globusartigen Käfig, Peitschen und vielerlei herausfordernder Posen für wohl jeden Fetisch und Geschmack etwas dabei. „Hatrid mun Sigra“  der Gruppe Hatari ist wohl der polarisierendste Beitrag des diesjährigen Jahrgangs und wir ziemlich hoch eingeschätzt. Ich persönlich finde den Song, der sich anhört, als haben die Mikrofone versagt, einfach nur schrecklich. Sorry!

Estland – Portugal – Griechenland – San Marino

Maskulin, charmant und in die Kamera flirtend, absolvierte der höchst konzentrierte Victor Crone aus Estland die Probe. Alle Kameraführungen sind auf ihn fixiert, viele Close-Ups rücken den smarten Sänger immer wieder in den Fokus, so dass man nur in der Totale merkt, dass er ziemlich alleine auf der großen Bühne steht. Der Titel „Storm“ vom bekannten estnischen Songschreiber Stig Rästa (selbst Teilnehmer in Wien 2015) ist für mich einer der schönsten.

Der avantgardistische Beitrag aus Portugal, der mit den so bizarren Schmuckgestaltungen in der dortigen Vorentscheidung ganz Portugal entzückte, konnte bisher im weiten Rund der Beobachter nicht zünden. In grünen Kleidern mit ebenso grünen Handschuhen und ohne Schmuckutensilien lieferte Conan eine stimmlich saubere und unaufgeregte Probe. An „Telemóveis“ werden sich die Geister scheiden und die hiesigen Prognosen reichen von einem sicheren Finaleinzug bis zu einem sicheren letzten Platz.

Traditionell gehört der Beitrag aus Griechenland stets zu den mit Versessenheit bis ins kleinste Detail ausgeklügelten Inszenierungen. Auch 2019 wird da keine Ausnahme gemacht. Die hohen Töne von „Better Love“ gelangen ihr meistens wirklich gut und mehrheitlich traf sie die Melodie, allerdings schlich sich bei den tieferliegend zu intonierenden Passagen ein verwunderliches Brummen ein, was aber griechische Journalisten als markantes Timbre und ein Zeichen ihrer unverwechselbaren Stimme charakterisierten.

Serhat betritt San Marino zum zweiten Mal.Er ist ein alter Bühnenhase als langjährig erfahrener Moderator von Quizsendungen im türkischen Fernsehen, ließ sich wieder einmal von nichts aus der Ruhe bringen. Im strahlend weißen Anzug stand er auf einem kleinen Podest inmitten eines pinken Rahmens. Vor, neben und zu seinen Füßen durften zwei Tänzer in weißen Shorts tanzen, wobei die zeitlosen Tanzschritte bisweilen an Produktionen von Ralph Siegel entlehnt zu sein schienen. Mit  „Say Na Na Na NA“ dürfte San Marino aber diesmal wieder ins Finale einziehen.

Bis zum nächsten Mal – Shalom aus Tel Aviv!

Biggi Müller

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