Uraufführung von „Les Bienveillantes“ in der Flämischen Oper

Der Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell aus dem Jahr 2006 löste damals eine sehr lebhafte Diskussion aus: Kann oder darf man die Grauen des Holocaust aus der Perspektive eines Täters beschreiben? Die Debatte wurde sehr kontrovers geführt, in einem Punkt waren sich aber alle einig: rein literarisch ist Littells über 1.000 Seiten starker Roman ein Meisterwerk. Das französische Original, der Amerikaner Littell schreibt in französisch, wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Jetzt brachte die Flämische Oper die Uraufführung der Opernadaptation von "Les Bienveillantes" heraus.

"Les Bienveillantes" in der Flämischen Oper

"Les Bienveillantes" in der Flämischen Oper (Bild: Annemie Augustijns )

Der Direktor der Flämischen Oper, Aviel Cahn, setzt in seiner letzten Spielzeit – ab September übernimmt Cahn die Leitung der Oper Genf – noch einmal ein Zeichen: Zum einen dadurch, dass er eine weitere Kreation in Auftrag gegeben hat, zum anderen, dass er gerade das Thema der Schoah und auch eine sonst nicht gerade übliche Lebensgeschichte der fiktiven Hauptperson des Romans „Die Wohlgesinnten“, Max Aue, auf die Bühne bringt.

Denn in dem Roman und damit auch in der Oper wird nicht nur die grausame Rolle des Nazi Max Aue erzählt, sondern parallel dessen inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester Una, die ja auch wichtiger Bestandteil des Romans ist. Man konnte sich vorab fragen, kann es gelingen, dieses weit über 1.000 Seiten umfassende Buch zu einem schlüssigen Libretto zu verarbeiten? Es geht! Der katalanische Komponist Hector Parra und sein österreichischer Librettist Händl Klaus haben die Handlung – übrigens in deutscher Sprache mit einigen französischen Einsprengseln – auf das Wesentlichste konzentriert, Nebenstränge der Handlung fallen gelassen und Jonathan Littell hat schon selbst eine musikalische Vorgabe geliefert, in dem er seinen Roman wie eine Barock-Suite anlegte.

In der einleitenden Toccata sehen wir Max Aue, der die Kriegszeit reflektiert, seine Schuld und auch unsere Schuld. Als Allemande sind seine Erfahrungen in der Ukraine überschrieben, wohin er 1941 geschickt wurde, unter anderem um seine Homosexualität zu bezwingen. Er wird hier Mittäter beim Massaker von Babi Jar. Szene drei ist eine Courante, zunächst erleben wir das Wiedersehen von Max mit seiner Schwester Una und die Erinnerung an die inzestuöse Beziehung in ihrer Jugend. Von Berlin geht es nach Stalingrad, auch hier ist Max an der Belagerung der Stadt tatkräftig beteiligt. Er kehrt schwerverwundet aus Stalingrad zurück, nach Antibes, wo er in der Sarabande seine Mutter wiedersieht. Sie und ihr neuer Ehemann werden Opfer eines Mordes.

Fast rein instrumentale Passage

Nach der Pause sehen wir Max in Ausschwitz. Als Menuett haben Littell und Parra die Szene überschrieben. Der Komponist Hector Parra tut hier gut daran, auf einen beschreibenden Text zu verzichten. Es ist eine fast rein instrumentale Passage, in der Una lediglich ein Gedicht rezitiert, was der Szene eine nachdrückliche Tiefe verleiht. Im folgenden Air ist Max die Flucht vor den Alliierten geglückt, noch einmal erlebt er im Traum die Beziehung zu Una. Die letzte Szene trägt den Titel Gigue. Max ist wieder in Berlin und er ist den Alliierten entkommen.

Hector Parra hat eine grandiose und anspruchsvolle Partitur geschrieben. Er zitiert ab und zu die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, dies ist bei der Liebe des Bildungsbürgers Max Aue zur Barockmusik naheliegend, aber auch die Musik des frühen 20. Jahrhunderts, etwa Alban Berg klingt mit Momenten an und großartig ist auch der sehr zurückhaltende Einsatz von Elektronik, die bei einer Szene dem grandios spielenden Orchester der Flämischen Oper beigefügt wird. Die Leistung des Orchesters und ebenso des Chores unter der Gesamtleitung von Peter Rundel ist überragend. Das gilt auch für die Solisten, allen voran Peter Tantsits als Max. Er ist nahezu durchgehend in dem dreistündigen Werk präsent. Man kann verstehen, dass mehrere Tenöre es abgelehnt haben, diese unglaublich fordernde Partie zu übernehmen. Das verlangt Wagnersches Durchhaltevermögen. Ebenso überzeugend in Spiel und Gesang waren Rachel Harnisch als Una und Natascha Petrinsky als Mutter der beiden.

Die Inszenierung liegt in den Händen von Calixto Bieito. Was man ihm hoch anrechnen muss, ist, dass er auf Nazikostüme oder die bei der Thematik sonst gängigen schwarzen Ledermäntel verzichtet. Die Bühne ist zu Beginn auch ganz weiß, von drei Wänden begrenzt, durch deren Türen die Personen auftreten. Im Laufe des Abends wird aber das Weiß durch Braun ersetzt, denn schon ab der zweiten Szene wird die Bühne in ein Schlachtfeld aus Theater-Kot verwandelt, das am Ende von einer alles überdeckenden vermeintlich harmlosen Schneeschicht überdeckt wird. Mir war es ein bisschen viel Kot- und Blut-Gemenge.

Andererseits gelingen Bieito beklemmende Bilder, um die Grausamkeit des Krieges und der Vernichtungslager zu zeigen: Da genügt ein alter nackter Mann, der regungslos vorne am Bühnenrand liegt oder eine an einer Schlinge hängende nackte Frau, die von Männern und Frauen in eleganter Straßenkleidung umgarnt und berührt wird.

Die Flämische Oper ist mit „Les Bienveillantes“ sicher ein Wagnis eingegangen, das letztendlich aufgeht, zum Nachdenken anregt. Eine halbe Stunde kürzer hätte der Spannung, die der rund dreistündigen Oper ohne Zweifel innewohnt, gut getan.

Bis zum 2. Mai wird „Les Bienveillantes“ in Antwerpen gegeben, vom 12. bis 18. Mai in Gent.

Hans Reul

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