Ponchiellis „La Gioconda“ in der Brüssel Oper La Monnaie

Mit Leonardo da Vincis "Mona Lisa" hat Amilcare Ponchiellis "La Gioconda" nichts zu tun. Diese Oper zwinkert den Betrachter, um im Bild zu bleiben, nicht mit einem sanften Lächeln zu. Im Gegenteil, es ist eine brutal grausame Geschichte, die hier erzählt wird mit einer grandiosen Musik voller Dramatik und Lyrik.

Bild: Baus/La Monnaie

Bild: Baus/La Monnaie

Der Franzose Olivier Py ist zu Recht einer der gefragtesten Opernregisseure unserer Zeit. Warum dies so ist, hat er auch schon mehrmals in Brüssel eindrucksvoll gezeigt, zuletzt mit einer zuriefst bewegenden Inszenierung von Poulencs „Dialogues des Carmélites“ und einem zum nachhaltigen Nachdenken anregenden „Lohengrin“. Jetzt stellt er seine Sicht auf Ponchiellis La Gioconda vor. Es ist ja nie Pys Anliegen Antworten zu geben, er möchte Fragen aufwerfen, und dieser Maxime folgt er auch diesmal. Wie er dies auf die Bühne bringt, lässt einen in diesem Fall aber oft ratlos oder zumindest verwirrt zurück. Vielleicht ist dies das gewünschte Ziel Olivier Pys.

„La Gioconda“ ist manch einem nur wegen des „Tanz der Stunden“ bekannt. Walt Disney lässt in seinem Film „Fantasia“ Nilpferde mit Elefanten, Krokodilen und Straußen zu dieser Musik tanzen. Olivier Py lässt es sich nicht nehmen den „Tanz der Stunden“ in einer zu Beginn wunderschön ästhetischen Bildersprache zu starten, die sich aber in eine durchchoreographierte Vergewaltigungsszene verwandelt um zum Schluss fast als eine Art makabrer Totentanz zu schließen. Schon diese Szene macht die Ambivalenz deutlich, entspricht aber gewiss der Brutalität der Erzählung.

„La Gioconda“ hat, nur zur Erinnerung, nichts mit da Vincis Gioconda, also der Mona Lisa zu tun. Ausgangspunkt ist ein Drama von Victor Hugo, das der Librettist von Padua nach Venedig verlegte. La Gioconda ist Sängerin bei einer Wandertruppe. Sie liebt den jungen Adligen Enzo, der aber seinerseits in Laura, die Frau des Inquisitors Alvise, verliebt ist. Gioconda selber wird begehrt vom Spion Barnaba, der mit allen Mitteln versucht, sie für sich zu gewinnen.

Die Gioconda wird Teil einer Intrige aus Hass und Leidenschaft, der sie letztendlich zum Opfer fallen wird. Denn, nachdem Enzo es nach gefährlichen Verwicklungen gelungen ist, mit Laura zu fliehen, sieht Gioconda keinen Ausweg mehr und trinkt den todbringenden Trank den Barnabà an und für sich Laura zugedacht hatte. Barnabà, der sich bereits am Ziel glaubte, kann nicht verhindern, dass Gioconda ihrem Leben ein Ende setzt.

Pierre-André Weitz hat für die Inszenierung ein atemberaubendes Bühnenbild gebaut. Meist zwischen schwarz und grau tangierend, nur ab und zu und dies sehr sinnfällig vom Lichtbildner Bertrand Killy in grün und rot getaucht, sieht man je nach Szene eine perspektiv sich nach hinten ins Unendliche verlierende Riesenbühne. Von der Decke sinken zum Beispiel die Kabinen eines Ozeandampfers herunter oder die Fundamente eines Palastes.

Der Bühnenboden ist mit Wasser bedeckt, was wiederum an den Wänden Reflexionen von großer Ästhetik ergibt. Aber Py wäre nicht Py, wenn er die Schönheit der Bilder nicht immer wieder durch härtere und sogar angsteinflößende Sequenzen brechen würde. So taucht immer wieder ein Clown auf, dessen riesige Gesichtsmaske an den Joker der Batman-Filme erinnert. Das Acqua Alta in Venedig dient ihm auch dazu immer wieder Stühle und Tische zu bewegen, auf denen die Protagonisten ihre Arien singen.

Béatrice Uria-Monzon gibt ein sehr gelungenes Debüt als Gioconda, die Rolle ist das nec plus ultra für einen dramatischen Sopran. Silvia Tro Santafé steht ihr als Laura in nichts nach, auch wenn sie nachdem sie ja nicht das tödliche Gift, sondern nur eine Art Schlafmittel getrunken hat, ein wenig verloren als Somnabula über die Bühne wanken muss. Für die kraftraubende Tenorpartie des Enzio wurde für die Erstbesetzung Stefano La Colla verpflichtet. Kraft hat der Mann in der Stimme, manchmal zu viel, was dann leider am Premierenabend zu Lasten einer sauberen Intonation ging. Da konnte Franco Vassalo als Barnaba viel mehr überzeugen. Es ist aufgrund der dichten Aufführungsfolge eine Doppelbesetzung vorgesehen.

Besondere Erwähnung verdienen aber das Orchester und der 70 Mitglieder umfassende Chor. Dirigent Paolo Carignani ist ein Spezialist des italienischen Repertoires, schafft es Ponchiellis Musik, die zwischen Verdi und Verismo changiert, grandios zu interpretieren. Man spürt zu jeder Sekunde welche Bedeutung Orchester und Chor in der Dramaturgie der Ponchielli-Partitur haben.

Bis zum 12. Februar steht „La Gioconda“ auf dem Spielplan der Brüsseler Oper La Monnaie.

Hans Reul

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