Ein musikalischer Hochgenuss: Bizets „Carmen“ in der Lütticher Oper

Georges Bizets Meisterwerk "Carmen" ist eine der populärsten Opern überhaupt. Bei nahezu jeder Arie oder jedem Chorsatz könnte der Besucher zumindest mitsummen. In Lüttich steht in dieser Woche eine Neuinszenierung des Werkes auf dem Programm. Zur Premiere am Freitagabend gab es sogar hohen Besuch: König Albert und Königin Paola wohnten der Aufführung bei. Sie und alle anderen Premierengäste erlebten einen musikalisch absolut überzeugenden Opernabend.

Sie ist der neue Liebling des Lütticher Publikums: Dirigentin Speranza Scappucci. Die Italienerin wird zu Recht nicht nur in Lüttich für ihr engagiertes, präzises und jedem Werk angemessenes Dirigat gefeiert. Auch die Washington Post setzt sie an die Spitze der interessantesten Dirigentinnen unserer Tage und die Leser von Forum Opera zeichneten sie als Dirigent des Jahres aus, ganz gleich ob Mann oder Frau. Scappucci beweist eindrucksvoll, dass es gleich ist, ob eben ein Dirigent oder eine Dirigentin am Pult steht. Es geht um die Musik, um die Musikvermittlung, und da macht niemand Scappucci etwas vor.

So erlebte man bei der Premiere von „Carmen“ wieder ein sehr gut aufspielendes Orchester. Auch der Chor und vor allem der glänzend vorbereitete Kinderchor fügten sich nahtlos in die Produktion ein. Speranza Scappucci wollte dem Werk die ihm innewohnende Leichtigkeit zurückgeben, etwa das Tänzerische über das Marschmäßige beim Jubelgesang auf Escamillo stellen. Das ist ihr gelungen, auch wenn die Regie nicht immer die gewünschte Unterstützung brachte.

Regisseur Henning Brockhaus lässt die ganze Oper in einem Zirkusrund spielen. Eine sinnvolle Idee, denn dies kann der Spiegel der Stierkampfarena sein, vor der ja der letzte Akt der Oper spielt. Brockhaus geht es – bei allen folkloristisch gefärbten Bildern und vor allem Kostümen, die zum Einsatz kommen – eher um Theater im Brechtschen Sinne. So lässt sich zum Beispiel das Nummerngirl erklären, das vor einigen Szenen durch die Manege geht und mit einem Schild auf die nächste Nummer verweist. Wir wissen doch, dass wir im Theater sind und nicht im wahren Leben.

Auch sind einige Bilder unnötig. Da dürfen die Soldaten in einem Jeep auf die Bühne fahren, Carmen reitet auf einer Elefantenimitation ein, es wird ausgiebig, sogar den musikalischen Fluss unterbrechend Flamenco getanzt und dass in der Schlussszene das Blut nur so spritzte bei der tödlichen Messerattacke Don Josés gegen Carmen, war vielleicht so nicht beabsichtigt, aber führte bei zahlreichen Premierenbesuchern eher zu einem kleinen Lachanfall als zu Mitgefühl. Andererseits muss man Brockhaus zugute halten, dass er die Handlung stringent und auch mit einer konsequent gut durchdachten Personenführung inszeniert.

Aufgrund der engen Aufführungsdichte – bis Sonntag wird „Carmen“ in der Lütticher Oper nahezu täglich gespielt – ist natürlich eine Doppelbesetzung für die Hauptrollen notwendig. Am Freitagabend war Nino Surguladze eine grandiose Carmen. Sie lotet die ganze Bandbreite der Rolle aus, die sowohl tiefdunkle Töne als auch leichtere hohe Momente erfordert. Das war absolute Spitzenklasse. Ebenso begeisternd war Lionel Lhote als Escamillo. Marc Laho, ein weiterer Belgier in der Rolle des Don José, brauchte ein wenig ehe er warmgelaufen war, um dann auf wunderschön berührende Art die große Arie des Don José „La fleur que tu m’avais jeté“ zu singen. Auch die weiteren Rollen waren durchgehend gut besetzt.

Eines ist sicher, wer einen musikalisch und stimmlich überzeugenden Opernabend genießen möchte, ist in Lüttich meist sehr gut aufgehoben. Auch diesmal.

Bis zum 4. Februar steht „Carmen“ auf dem Spielplan.

Hans Reul

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