Monnaie schließt Jahr mit überzeugender Wiederentdeckung von Rimsky-Korsakows Oper „Der Goldene Hahn“

Wohl nur die wenigsten dürften die Oper "Der Goldene Hahn" von Nikolai Rimsky-Korsakow schon gesehen haben. In Belgien stand sie zuletzt vor 35 Jahren auf dem Programm der Oper Lüttich. Jetzt bringt "La Monnaie" eine in jeder Hinsicht lohnende Produktion der Repertoire-Rarität heraus. Musikalisch wie dramaturgisch ist der Brüsseler Opern zum Jahresausklang ein großer Coup gelungen.

„Der Goldene Hahn“ ist eine Politsatire, die in einem märchenhaften Russland spielt. Hier lebt der Zar Dodon, der der vielen Kriege müde ist und nur noch eines möchte: den lieben langen Tag im Bett liegen. Da bietet ihm ein Astrologe einen magischen goldenen Hahn an, der ihm künftig zeigen soll, wenn sich ein Feind seinem Reich nähert. Voller Dankbarkeit verspricht der Zar dem Astrologen, dass er ihm jeden Wunsch erfüllen würde.

Aber trotz aller Vorwarnung besiegt die Zarin von Schemacha die Armee Dodons, und dies allein durch ihre Schönheit, der sich auch Dodon nicht verschließen kann. Er verfällt ihr, aber der Astrologe hatte ja noch einen Wunsch frei, und natürlich wünscht er sich die schöne Zarin, was Dodon nicht akzeptieren kann. Er tötet den Astrologen, doch die Rache kommt vom goldenen Hahn: Mit einem heftigen Schnabelschlag bringt er den Zaren um. Im Epilog erscheint dann nochmals der Astrologe und verkündet, dass alles nur ein Märchen war.

„Der goldene Hahn“ ist eine geniale Verbindung von Komik, Märchenhaftem und politischer Subversion und es wäre ein leichtes, das Stück zu aktualisieren. Aber das ist nicht das Anliegen von Regisseur Laurent Pelly. Wie leicht hätte man aus Dodon eine Karikatur des Zar Nikolaus II, Stalins oder Putins machen können. Nein, bei aller Ironie, die diese Inszenierung auszeichnet, ist auch die Poesie deutlich spürbar. Das zeichnet Pellys Arbeit aus.

Die Bühne ist eine riesige Kohlehalde, darauf steht im ersten Akt das Bett Dodons. Im zweiten Akt schauen wir auf eine Struktur in Form einer überdimensionierten Muschel, die der Zarin den Weg zu Dodon ebnet. Im Schlussakt wird Dodons Bett auf einem Panzerunterbau hereingerollt. Die Bilder sind von beeindruckender Kraft und kongenial ausgeleuchtet. Die Kostüme sind zum einen schlicht, so läuft Dodon nur in Pyjama und Schlafrock herum, voller Phantasie, wie bei den Söhnen des Zaren und der Dienerschaft oder aber von edlem Glanz wie bei der Zarin von Schemacha.

Besonders augenfällig ist der wahrhaft goldene Hahn, der durch die Szenerie stolziert. Die Rolle ist doppelt besetzt: Sarah Demarthe tanzt und Shehova Tehoval singt. Übrigens grandios, wie alle Protagonisten. Aus der Solistenriege ragt vor allem Venera Gimadieva als Zarin hervor. Sie hat ohnehin die mit Abstand längste und auch technisch anspruchsvollste Arie. Das ist ein Kraftakt, der seinesgleichen sucht, aber die russische Sopranistin meistert dies mit stupender Sicherheit.

Ebenso beeindruckend ist die Orchesterleistung. Chefdirigent Alain Altinoglu versteht es die extremen Kontraste, die Verve, die Farben, die Orientalik wie die russische Folklore sowie das ironische Moment der Musik umzusetzen. Und er hat noch die Lässigkeit, gemeinsam mit der Konzertmeisterin die Umbauphase zwischen dem zweiten und dritten Akt mit einem kammermusikalischen Intermezzo zu überbrücken. Respekt!

„Der Goldene Hahn“ ist ein wunderbares Geschenk zum Jahresende und man fragt sich, warum hat man solange auf diese Wiederentdeckung warten müssen. Bis zum 30. Dezember steht das Werk auf dem Programm von „La Monnaie“. Ein Besuch lohnt sich in jeder Hinsicht.

Alle Informationen zu den Aufführungen gibt es auf der Webseite von „La Monnaie“.

Hans Reul - Bilder: Matthias Baus/La Monnaie

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