Premierenkritik: „Orphée et Eurydice“ im Theater Aachen

Die Orpheus-Sage hat zahlreichen Komponisten als Inspirationsquelle gedient. So wird die Lütticher Oper zum Jahresende Jacques Offenbachs "Orphée aux enfers" zeigen und im Theater Aachen steht jetzt Christoph Willibald Glucks "Orphée et Eurydice" auf dem Programm. Wir waren bei der Premiere dabei.

Das Theater Aachen hat sich bei der neuen Produktion von Glucks Reformoper für eine halbszenische Inszenierung entschieden – eine durchaus nachvollziehbare Wahl. Denn mit ganz wenigen, aber klug eingesetzten Mitteln versteht es die Regisseurin Tamara Heimbrock die Geschichte so zu erzählen, dass sie für jeden verständlich ist. Die Handlung dürfte ohnehin allgemein bekannt sein.

Weniger bekannt dürfte es dem Aachener Publikum sein, dass historische oder historisch nachgebaute Instrumente sich leicht verstimmen. Das führt dazu, dass nicht nur vor Beginn der Aufführung, sondern auch vor jedem Akt ein sorgfältiges Nachstimmen unabdingbar ist. Hatte es diesbezüglich Bemerkungen oder gar Beschwerden während der Pause gegeben? Wie sonst lässt sich erklären, dass Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck sich genötigt sah, vor Beginn der zweiten Hälfte auf diesen Umstand hinzuweisen.

Der Orchestergraben ist fast auf Parkettebene angehoben. Eine für das Barockrepertoire übliche Praxis, und das Orchester wird den Ansprüchen durchaus gerecht. Vor allem die Streicher überzeugen mit einem wunderschön transparenten Klangbild, einige Holzbläser lassen hingegen hinsichtlich der Intonation noch Wünsche offen. Dirigent Justus Thorau versteht es mit großer Gestik der Gluckschen Partitur die notwendige Verve und Leidenschaft zu verleihen, ebenso die zahlreichen melancholischen Momente ausdrucksstark zu gestalten.

Ein weiterer großer Pluspunkt ist die Leistung des Chores. Hier zeigt sich – und dies schon seit einigen Produktionen – die engagierte Arbeit der Chorleiterin Elena Pierini. Das Werk verlangt ja nur drei Solisten, und diese sind für die bis Ende April anstehenden acht Aufführungen doppelt besetzt. Bei der Premiere sang Patricio Arroyo sehr überzeugend die anspruchsvolle Titelpartie. Vor allem in der Mittellage war sein Tenor ebenso klangschön wie ausdrucksstark, in der Höhe musste er ab und zu an seine Grenzen gehen. Ihm steht eine selbstbewusste Eurydice gegenüber, von Katharina Hagopian mit Überzeugung gesungen. Ein wenig im Schatten der beiden Protagonisten stand Jelena Rakic als Amor.  Übrigens die junge belgische Mezzosopranistin Soetkin Elbers wird im Laufe der Saison einige Male diese Rolle des Liebesgottes Amor übernehmen.

Tamara Heimbrock hat für ihre halbszenische Aufführung nur zwei graue Wände bauen lassen, die sich leicht verschieben lassen und somit den Weg in die Unterwelt frei geben können, zudem gibt es nur zwei Stühle als Requisite, auf denen Orpheus und Eurydike Platz nehmen, sich anschauen können, sich voneinander abwenden und wiederfinden. Da bleibt Heimbrock nahe am Text und das ist gut so.

Warum in der Abschlussszene, der herrlichen Ballettmusik, die Gluck ja speziell für die französische Fassung seiner Oper komponierte, die in Paris 1774 ihre Uraufführung erlebte, weiß oder silbern glitzernde Sternchen auf die Bühne rieseln, erschließt sich nicht ganz. Soll wohl für eine festlich anheimelnde Stimmung sorgen. Aber insgesamt ist diese Produktion ein weiterer Schritt das Repertoire des Theater Aachen auch für die Barockoper zu öffnen. Das Publikum bedachte die Premiere mit sehr berechtigtem lang anhaltendem Beifall.

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Theaters Aachen.

Hans Reul - Bilder: Marie-Luise Manthei/Theater Aachen

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