„Die erste Leiche ist die Wahrheit“: SWR-Nachrichtenprofi klärt bei Krimifestival über Fake News auf

Es braucht nicht zwangsläufig kriminalistischen Spürsinn, um Fake News aufzudecken. Und doch fällt es manchmal schwer, echte von falschen Nachrichten zu unterscheiden. Thomas Nettelmann, Redaktionsleiter für Landespolitik beim Südwestrundfunk SWR, kennt sich mit Nachrichten aus. Beim Krimifestival "Tatort Eifel" wird er über "Fake News" sprechen.

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Illustrationsbild: © Andriy Popov/Panthermedia

Herr Nettelmann, Sie haben für Ihren Vortrag beim Krimifestival den etwas mysteriösen Titel gewählt: „Die erste Leiche ist die Wahrheit“. Weshalb?

Das kommt aus den Kriegszeiten, weil die Kriegsberichterstattung für die Journalisten natürlich extrem schwierig ist. Es gibt keine unabhängigen Quellen, das sehen wir jetzt ja auch beim Ukraine-Krieg. Da gibt es den Spruch „Das erste Opfer ist die Wahrheit“. Daraus habe ich dann abgeleitet: „Die erste Leiche ist die Wahrheit“, passend zum Krimi-Festival „Tatort Eifel“. Mir geht es natürlich nicht um Fiktionales wie sonst bei diesem Festival, sondern bei mir geht es um die harte Realität. Und es geht natürlich um Falschinformation, um Desinformation, was besser bekannt ist als „Fake News“.

Sie sind ja auch im Jugendprogramm des Krimifestivals vertreten …

Ja, ich bin sehr viel in Schulen unterwegs. Wir haben vom Südwestrundfunk auch so eine Aktion, die nennt sich ‚Nachrichten-Profis in die Schulen‘. Das Ziel dieser Aktion ist, die Informations- und Nachrichten-Kompetenz bei jungen Leuten zu stärken, also sozusagen ihnen Werkzeug an die Hand zu geben: Wie erkenne ich eigentlich eine Falsch-Nachricht, eine Desinformation? Wie arbeiten Journalisten eigentlich im Nachrichtenbereich? Was sind glaubwürdige Quellen? Wie wird recherchiert? Wie kann ich selbst, wenn mir zum Beispiel etwas komisch vorkommt oder nicht plausibel erscheint, relativ schnell recherchieren und herausfinden, ob da etwas Wahres dran ist oder ob jemand hier mit Lügen arbeitet und operiert?

Wie kommt das an bei den Schülern, wenn ein Journalist in der Klasse erklärt, wie er arbeitet?

Das kommt sehr gut an. Ich mache ja da auch keine One-Man-Show, sondern ich bin im Dialog mit den Schülern. Die müssen dann eben selbst auch zum Tablet oder zum Smartphone greifen und recherchieren. Ich habe viele Beispiele, auch aus ihrer Lebenswirklichkeit, aus ihrem Alltag. Also die Corona-Pandemie zum Beispiel: Da gibt es ganz viele Dinge, die ich zeigen kann. Eine Geschichte war zum Beispiel, dass behauptet worden ist, das Maskentragen würde töten, also auch Schüler töten. Es gab einen Vorfall bei uns in der Pfalz, wo eine Schülerin aus einem ganz anderen Zusammenhang im Bus zusammengebrochen und anschließend gestorben ist. Und danach wurde gleich behauptet, das Tragen der Maske sei todesursächlich, was natürlich so nicht stimmt. Und das sind alles so Themen, die die Schüler in ihrem Alltag und ihrem Lebensbereich betreffen. Und da sind die natürlich sehr aufmerksam und es macht eigentlich unglaublich viel Spaß.

Nun sprechen Sie ja bei „Tatort Eifel“ auch vor einem nicht-schulischen Publikum im Krimi-Hotel in Hillesheim.

Ja, auch da werde ich mit vielen Beispielen operieren. Auch was den Ukraine-Krieg angeht, werde ich zeigen, mit was wir da konfrontiert werden. Nicht nur das Publikum, sondern auch wir Journalisten bekommen ja ständig Informationen, die wir dann verifizieren müssen. Das werde ich zeigen. Und auch hier wird die Veranstaltung so sein, dass das Publikum durchaus mitmachen kann und wir in einen Dialog kommen. Ich bin sehr gespannt, gerade auch was die Corona-Pandemie angeht, habe ich auch selber in meiner Zeit als Nachrichtenchef ganz viel Diskussionen gehabt mit Menschen, die mit unserer Berichterstattung nicht einverstanden waren, die eine bestimmte Meinung auch zum Beispiel zu den Corona-Maßnahmen hatten. Das wird sehr spannend werden, weil ich eben auch aus dem Alltag berichte: Wie ist was konkret gelaufen und was ist da eigentlich passiert?

Ist denn dieses Phänomen der Fake News, dieser Falschnachrichten überhaupt noch zu überblicken?

Nein. Was ist in dieser Zeit schon zu überblicken, in dieser Informationsflut? Das ist kaum zu überblicken. Und ich glaube, dass die Aufgabe des Journalisten zunehmend wird, sozusagen im Voraus schon die Fakten darzulegen, also quasi bei einem Ereignis schon zu antizipieren: „Ah, jetzt ist das und jenes passiert, jetzt wissen wir, es kommt aus dieser oder jener Ecke schon wieder eine Fake News.“ Und dass man vorher schon sagt: „Leute, so und so sieht das aus und das sind die Fakten, sollte dieses oder jenes behauptet werden. Die Fakten sehen aber so und so aus.“ Denn jetzt haben wir eine Situation, dass wir ständig hinterherlaufen, also es werden Fake News verbreitet und wir fangen dann an, die Fakten darzulegen. Es gibt im Netz, auch beim SWR, diese Faktenfinder oder Fakten-Checker, aber das ist eben immer erst im Nachhinein. Erst mal wird es so in die Welt gesetzt und weil die ja auch sehr viel mit Emotionen arbeiten und nicht so sehr mit Fakten, bleibt das eben beim Publikum dann schon eher hängen. Wir müssen einfach einen Schritt schneller werden.

Stephan Pesch

Ein Kommentar
  1. Marcel scholzen eimerscheid

    Lügen oder Fake News sind eine schlimme Sache.Nicht nur Verschwörungstheoretiker verbreiten diese, auch Regierungen lügen.Beispiele : der angeblichen Überfall auf den Sender Gleiwitz oder der Tonkin Zwischenfall im Vorfeld des Vietnamkrieges.Heute gilt es als erwiesen, dass du die US Regierung gelogen hat, um einen Grund zum Kriegführen zu haben.Bin gespannt, wer wen wie belogen hat im Vorfeld des Ukrainekrieges…

    Von Fake News zu unterscheiden sind unerwünschte Meldungen oder Tatsachen, wie dass politische Parteien Akademiker bevorzugen und die Gleichheit der Bürger nur in der Theorie besteht.