Nicht erst seit ‚Squid Game‘: Popkultur-Sensation Südkorea

Die südkoreanische Serie "Squid Game" ist die bisher erfolgreichste Netflix-Produktion seit Gründung des Streamingdienstes. Mehr als 111 Millionen Zuschauer hat die Serie erreicht, die erst vor einem Monat veröffentlicht worden ist.

Squid Games werden nun auch im echten Leben gespielt - mit leicht abgeänderten Regeln ... (Bild: Giuseppe Cacace/AFP)

Squid Games werden nun auch im echten Leben gespielt - mit leicht abgeänderten Regeln ... (Bild: Giuseppe Cacace/AFP)

„Squid Game“ ist eine neunteilige Drama-Serie, die im heutigen Südkorea spielt. Es dreht sich alles um eine brutale Gameshow. 456 hochverschuldete Menschen bekommen das Angebot, an einem Spiel teilzunehmen, bei dem man umgerechnet 33 Millionen Euro gewinnen kann. Was die Teilnehmer zu Beginn aber nicht wissen, ist, dass es ein Spiel auf Leben und Tod ist, bis nur eine Person übrig bleibt.

„Squid Game“ ist extrem makaber und brutal. Aus einfachen Kinderspielen werden blutige Gemetzel. Irgendwie hat die Serie einen Nerv der Zeit getroffen. „Die dargestellten Spiele in der Serie sind extrem einfach und leicht zu verstehen. Das erlaubt es den Zuschauern, sich auf die Figuren zu konzentrieren“, sagt Autor und Regisseur Hwang Dong-hyuk über den Reiz der Serie. „Figuren, die um ihr Leben kämpfen.“

Eine andere Erklärung für den Erfolg ist, dass im Hintergrund der Geschichte das Thema soziale Ungerechtigkeit schwebt. Ein Thema, das offenbar weltweit anspricht. Die Figuren, die um ihr Überleben kämpfen, stammen aus allen möglichen Milieus: ein entlassener Arbeiter ohne Perspektiven, ein ausgebeuteter Gastarbeiter, eine Frau, die aus Nordkorea geflüchtet ist, ein Arzt, der einen Kunstfehler begangen hat – und weitere gesellschaftliche Verlierer, für die auch das echte Leben eine Hölle ist.

Squid Game in Maastricht

Die Erfolgsserie kommt dieses Wochenende nach Maastricht. Am Samstag wird eines der Spiele öffentlich veranstaltet. Im Unterschied zur Serie aber nur zum reinen Spaß und ohne tödliche Folgen, so die Veranstalter.

Eine Frage, die man sich als Zuschauer ständig stellen kann, ist: Wie weit würde ich gehen, wie schnell würde ich alle Regeln der Zivilisation vergessen, wenn es ums eigene Überleben geht? Denn letztendlich kämpft jeder gegen den anderen um sein Leben.

Zu Beginn wurde die Serie in Südkorea eher kritisch gesehen. Die Figuren seien klischeehaft überzeichnet, hieß es. Und die ständige Gewalt hat auch viele Kritiker verschreckt. Trotzdem sprechen die Zuschauerzahlen für sich. Die Serie wird erst ab einem Alter von 16 Jahren empfohlen – doch gerade ein junges Publikum ist fasziniert. Das kann man auf Schulhöfen sehen, wo die Spiele nachgespielt werden.

Die Serie ist ästhetisch durchgestylt, erinnert stark an die Struktur von Computerspielen. Vieles, was in der Serie passiert, ist beim Gaming nicht unüblich. Dazu zählt auch die Levelstruktur: Schaffst du ein Level, kommst du ins nächste.

„Squid Game“ hat sich jedenfalls in wenigen Wochen zu einem globalen Hype entwickelt. Einige Schauspieler von Squid Game sind schon zu globalen Stars der Popkultur geworden. Eine Schauspielerin hat gleich mehrere Werbeverträge von Modehäusern wie Louis Vuitton und Adidas erhalten.

Export-Erfolge

Aber wenn man genau hinschaut, ist das nicht das erste internationale Export-Erfolgsprodukt aus Südkorea. Das 50-Millionen-Einwohner-Land drückt seinen kulturellen Stempel weltweit auf. Man denke an Marken wie Samsung und LG. In vielen Haushalten steht ein Haushaltsgerät oder Fernseher aus Südkorea. Auch die Automarken Kia und Hyundai, die vor einigen Jahrzehnten noch unbekannt in Europa waren, haben Erfolg. Mit Parasite gewann letztes Jahr zum ersten mal ein nicht-englischsprachiger Film den Oscar in der Katagorie ‚bester Film‘.

Korea-Pop ist bei den Jugendlichen in aller Munde. Die Gruppe BTS gilt zur Zeit als die Mega-Sensation. Die Gruppe hat es im vergangenen Sommer geschafft, 1,3 Millionen Eintrittskarten an Fans aus 195 Ländern für ein Streaming-Event zu verkaufen. Und wer erinnert sich nicht an den milliardenfach auf Youtube angeklickten K-Pop-Song von Psy – Gangnam Style?

Wie ist der Erfolg des Landes auf der internationalen Bühne zu erklären? Das Land hat wirklich eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht. Nach dem Koreakrieg in den 50er Jahren ging es dem Land gar nicht gut. Noch 1965 hatte Südkorea ein kleineres Bruttoinlandsprodukt als Ghana, heute ist es in den Top Ten der Volkswirtschaften weltweit.

Korea-Kenner sagen, dass der Film Jurassic Park eine entscheidende Rolle gespielt hat. Im Jahr 1994 veröffentlichte der südkoreanische Präsidialrat für Wissenschaft und Technologie einen Bericht, in dem es hieß, dass es für das Land besser wäre, in Blockbuster zu investieren, wenn „Jurassic Park“ so viel einbrächte wie der Verkauf von 1,5 Millionen Hyundai-Autos.

Das blieb nicht ungehört. Kim Dae-jung, der ab 1998 Präsident war, begann danach, fanatisch in die Kulturindustrie zu investieren. Südkorea sah in der Popkultur eine Möglichkeit, sein Image zu verbessern, was beispielsweise den Tourismus fördern sollte. Es folgten finanzielle Anstrengungen zum Ausbau des Unterhaltungssektors mit Investitionen in Neugründungen, Infrastruktur und Ausbildung. Und das zahlt sich offenbar aus. Die Koreaner treffen den Geschmack der Weltgemeinschaft.

morgen/mz/km

3 Kommentare
  1. Guido Scholzen

    „Squid Game“ erinnert doch sehr an den Film „Running Man“ (1987) mit Arnold Schwarzenegger. Die Macher dieses Filmes ließen sich übrigens inspirieren von der WDR-Produktion „Das Millionenspiel“ (1970) mit Dieter-Thomas Heck als Mord-Show-Moderator und Dieter Hallervorden als Berufskiller. Sehenswert.
    Diese Thematik scheint einmal in jeder Generation gut anzukommen.

  2. Uwe Chemnitz

    Herr Scholzen , da gebe ich Ihnen mal recht. bis auf Dieter Thomas Heck.Anschauen muss, will ich mir das nicht.
    Netflix brauche ichganz einfach nicht.

  3. Uwe Chemnitz

    Nachtrag.

    Man würde es fast nicht glauben, aber sehr schnell vergisst der Mensch, wenn es denn um seine ureigenste Existenz geht alle Regeln,Richtlinien, demokratisches Denken……