Was mögen eine zeitgenössische belgische Künstlerin wie Edith Dekyndt und eine spanisch-französische Modeschöpfer-Legende wie Cristóbal Balenciaga, der seit mittlerweile deutlich mehr als 50 Jahren tot ist, gemeinsam haben? Die Frage ist sicherlich nicht ganz unberechtigt. Der eine hat ausgefeilte und aufsehenerregende Kreationen für die Reichen und Mächtigen dieser Welt zum Tragen geschaffen, die andere hat sich unter anderem mit Kunstwerken aus allen möglichen Materialien und Performances einen Namen gemacht.
In Dekyndts Arbeiten sei Stoff oft sehr präsent, sagt Ausstellungskommissarin Maria Inés Rodríguez. Dekyndt experimentiere auch gerne und arbeite dafür mit Wissenschaftlern und anderen Partnern zusammen und investiere viel Zeit in entsprechende Recherchen. Züge, die man zumindest zum Teil auch von Balenciaga kenne – auch er sei immer sehr interessiert gewesen an der Entwicklung neuer Materialien, und zwar im engen Zusammenspiel mit zum Beispiel Lieferanten und Herstellern.
Aber da ist natürlich noch mehr: Die Ver- oder Umwandlung von Materialien ist ein zentrales Element für Dekyndt, nicht nur im Sinn von Ausgangsmaterialien in neue Objekte, sondern jede Art von Veränderung von Materialien, sei es nun in puncto Form, Farbe oder egal welcher sonstigen Hinsicht. Dekyndt habe bei ihren Recherchen in den Unterlagen von Balenciaga den Satz "The Fabric Decides" gefunden, auf Deutsch in etwa "der Stoff entscheidet". Der Stoff entscheide also, was aus ihm werden solle.
Eine sehr passende Beschreibung in Dekyndts Augen – nicht nur für die Art und Weise, wie Balenciaga ein Kleid entwarf, sondern auch für ihre eigene Vorgehensweise bei der Erschaffung von Werken. Weswegen dieses Zitat von Balenciaga auch im Titel der Ausstellung aufgegriffen wird: "Edith Dekyndt x Cristóbal Balenciaga – The Fabric Decides". Man könnte also auch sagen "zeitgenössische belgische Kunst x historische Haute Couture". Denn für die Ausstellung im Brüsseler Bozar haben die Balenciaga-Archive diverse Schätze zur Verfügung gestellt, die eben im Dialog gezeigt werden mit Werken von Dekyndt.
In einem der beiden Haupträume stehen dabei die jeweiligen Arbeits- beziehungsweise kreativen Prozesse im Mittelpunkt. Im anderen liegt der Fokus hingegen auf den Spuren, die die Zeit unweigerlich auf Objekten hinterlässt - gerade natürlich auf doch eher vergänglichen Objekten wie Kleidung. Entsprechend sieht man den hier gezeigten Balenciaga-Exponaten auch allen auf die eine oder andere Weise deutlich an, dass sie von Menschen getragen worden sind und dabei sichtlich gelitten haben. Aber gerade dadurch kommunizieren sie eben ein Gefühl von Erinnerung und Geschichte. Genau das will Dekyndt ebenfalls vermitteln, auf ihre Art und Weise. Denn schließlich ist auch Verfall ja nichts anderes als eine Art von Verwandlung.
Eine Sache, die man im Zusammenhang mit der Ausstellung auf gar keinen Fall unterschlagen sollte ist, dass sie, zumindest räumlich betrachtet, recht überschaubar ist. Neben den erwähnten zwei Haupträumen gibt es noch nur noch einige Exponate in einem Seitengang beziehungsweise Nebenräumchen. Das ist darauf zurückzuführen, dass im Bozar drei Ausstellungen parallel laufen und diese eben nur eine davon ist. Aber trotzdem reden wir hier über sehr viele Exponate und Material, betont die Ausstellungskommissarin. Und sich wirklich mit ihnen zu beschäftigen und sich auf sie einzulassen, sie wirken zu lassen, das erfordere definitiv seine Zeit.
"Edith Dekyndt x Cristóbal Balenciaga – The Fabric Decides" läuft bis Ende Januar im Brüsseler Bozar, dem Palast der Schönen Künste. Mehr Informationen zu dieser und den anderen dort aktuell stattfindenden Ausstellungen gibt es auf der Bozar-Webseite.
Boris Schmidt


