Die Ausstellung "Inuit – Kunst aus dem hohen Norden Kanadas" beginnt mit einem nachgebauten Iglu. Es soll die Besucher nicht nur einstimmen, sondern dient auch als zentrale Drehscheibe, um in die verschiedenen Ausstellungsbereiche zu gelangen. Von denen gibt es insgesamt vier: Wohnen, die lokale Tierwelt zu Lande und zu Wasser, die lange arktische Nacht und schließlich die Herausforderungen, denen sich die Ureinwohner des hohen kanadischen Nordens, die Inuit, heute gegenübersehen.
Das Ganze wird aber nicht etwa in Form einer klassischen ethnografisch-historischen Ausstellung gezeigt, sondern in den erwähnten Bereichen bekommt man vor allem zeitgenössische Inuit-Kunst zu sehen. Man wolle damit wirklich zeigen, dass es auch in der Arktis eine lebendige, vielfältige und wichtige Kunstszene gebe, hebt Ausstellungskommissar Serge Lemaitre hervor.
Dabei sieht man natürlich hier und da durchaus kleine geschnitzte Figuren, Masken und Ähnliches, die man vielleicht mit Inuit-Kunst in Verbindung bringen würde. Aber sie dienen vor allem dazu, historische Bezüge herzustellen und kulturelle Kontinuität zu demonstrieren. Die übergroße Mehrheit der Exponate sind gemalte Bilder, Grafiken, Darstellungen aus Stoff, Skulpturen in allen möglichen Größen und aus unterschiedlichen Materialien.
Die zeitgenössische Inuit-Kunst hat natürlich auch Literatur, Film- und Foto-Kunst sowie Musik zu bieten. Es gibt sogar Inuit-Rapper und -Influencer. Aber warum sollte uns das eigentlich überraschen oder gar zum Schmunzeln bringen? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil die meisten von uns in puncto Leben in der Arktis beziehungsweise über die dort lebenden Menschen vor allem Klischees im Kopf haben.
Die Ausstellungsmacher erhoffen sich daher, dass die Besucher nicht nur mit der Erkenntnis nach Hause gehen, dass auch im hohen Norden relevante zeitgenössische Kunst gemacht wird - sondern auch mit weniger Vorurteilen über die Inuit, ihre Gesellschaft und ihre Lebensweise. Denn auch sie leben heutzutage eben in Häusern, haben Internet, machen Videos und sind auf Instagram.
Was die Besucher entdecken können, ist in jedem Fall faszinierend. Zum einen, weil die Gedankenwelt, die man anhand der gezeigten Werke entdeckt, so vollkommen fremd und anders als unsere ist. Man sollte sich auf jeden Fall die Zeit nehmen, um auch in die Mythen und Vorstellungen dahinter einzutauchen. Zum anderen ist auch in technischer Hinsicht Inuit-Kunst eine willkommene Abwechslung.
Ebenfalls wichtig zu erwähnen: Viele Museen präsentieren diese Art von Objekten durch unsere westliche, europäische, ja manchmal sogar koloniale Brille. Das versucht diese Ausstellung zu vermeiden. Man wolle die Werke sprechen lassen und ihre Künstler, erklärt Lemaitre. Deswegen habe man sich auf kurze Beschreibungen beschränkt und lasse sonst die Menschen hinter den Stücken zu Wort kommen, etwa in Form von Videos oder Zitaten.
Schließlich sollte man noch hervorheben, dass es auf der Welt nur ein nennenswertes Museum mit Inuit-Kunst gibt, im kanadischen Winnipeg. Wer sich also auch nur im Weitesten dafür interessiert, bekommt in Brüssel viel näher etwas Außergewöhnliches geboten. Was die Zahl und Qualität der Exponate angeht ist diese Ausstellung nämlich die erste große auf europäischem Boden überhaupt.
Die Ausstellung "Inuit – Kunst aus dem hohen Norden Kanadas" im Museum für Kunst und Geschichte in Brüssel läuft bis Mitte April. Mehr Informationen gibt es auf der Webseite des Museums.
Boris Schmidt

