Kontaktabzug der Zeitgeschichte: „Magnum Contact Sheets“ in Stavelot

In der Abtei von Stavelot ist eine Ausstellung zu sehen, die nicht nur Freunde der Fotografie ansprechen dürfte. Die weltbekannte Fotoagentur Magnum zeigt dort eine Auswahl von sogenannten "Kontaktbogen". Verewigt sind darauf historische Momente - aber eben auch Schnappschüsse, die es letzten Endes nicht ins Magazin oder auf die Titelseite geschafft haben.

Heutzutage, wo jeder zum Fotografieren mal schnell sein Smartphone zückt, gehören sie zu den Relikten der jüngeren Vergangenheit: Kontaktabzüge oder in diesem Fall ganze Kontaktbogen. Auf ihnen wurden die Negativfilme, die von den Bildreportern an die Fotoagentur Magnum geschickt wurden, ins Positive gekehrt. So konnte die Redaktion die aussagekräftigste Aufnahme für die Veröffentlichung auswählen werden.

„Die Fotografen brauchten eine gewisse Freiheit, um sich mit Themen näher auseinanderzusetzen. Und auch eine gewisse Unabhängigkeit von den einzelnen Medien. Diesen Spielraum gab ihnen die Agentur Magnum. Sie gewährleistete ihnen auch das Urheberrecht an ihrer Arbeit“, erklärt Andréa Holzherr, Ausstellungsdirektorin bei der Fotoagentur Magnum.

Die Beispiele, die in Stavelot gezeigt werden, reichen zurück bis vor die Entstehung der Fotoagentur Magnum, mit ihren Gründervätern Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson. Zu sehen sind auch Zeugnisse aus dem spanischen Bürgerkrieg oder von der Landung der alliierten Truppen in der Normandie.

Es sind zum Teil Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt haben, wie die brennenden Zwillingstürme am 11. September 2001 oder „der Mann vor dem Panzer“ auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989, aus der Entfernung festgehalten vom Magnum-Fotografen Stuart Franklin. Einen Tag vorher war der Studentenprotest auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ niedergeschlagen worden.

„Der Fotograf konnte nicht näher ran. Er hat die Szenerie von einem Fenster aus festgehalten“, erklärt Andréa Holzherr. „Aber wir können sehr gut erkennen, wie sich ein Einzelner dieser Übermacht entgegenstellt. Es ist wie das Bild von David gegen Goliath, etwas, das uns alle anspricht. Vielleicht ist es nicht das beste Foto der Welt, aber es steht für etwas, das wir alle auf der ganzen Welt verstehen.“

Die allgemeingültigen Botschaften machen einen Teil der Ausstellung aus. Auf den Kontaktbogen ist aber gerade auch das zu sehen, was der Fotograf vor und nach dem letztlich ausgewählten und veröffentlichten Bild festgehalten hat – auch die misslungenen Schnappschüsse, die im digitalen Fotozeitalter umgehend gelöscht werden. Und die sind unter Umständen mindestens ebenso interessant.

Zu sehen ist die Ausstellung Magnum Contact Sheets bis zum 2. Dezember in der früheren Abtei von Stavelot.

Stephan Pesch

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