Für viele Menschen in Belgien ist das Aufwachsen mit verschiedenen Sprachen und Kulturen fester Bestandteil des Alltags. Das gilt nicht zuletzt auch für Ostbelgien. Schon in dieser Hinsicht ist Ernst Stadler eine interessante historische Figur.
Der bekannte Lyriker wurde im Elsass geboren und wuchs auch dort auf. Das Elsass war damals Teil des Deutschen Reichs. "Das Elsass ist auch so eine ganz berühmte Übergangsstelle zwischen der deutschen und der französischen Kultur. Das heißt, damit war er natürlich von Kindheit an vertraut", erklärt Helga Mitterbauer, Professorin für deutsche Literatur an der ULB.
Stadler war also einer ihrer Vorgänger. "Von Stadler können wir da einiges lernen. Denn er hat diese Vielsprachigkeit, diese Multilingualität, als ganz normale Voraussetzung empfunden - und zwar nicht nur auf sprachlicher Ebene, sondern eben auch auf der Ebene der gegenseitigen Verständigung."
Mehr noch, Stadler gehörte auch der Gruppe der sogenannten "Stürmer" an, die sich in einem Umfeld bewegten, das davon überzeugt war, dass sich die beiden Kulturen gegenseitig bereicherten - ein Umfeld, das für Völkerverständigung und einen friedlichen Austauschprozess stand.
In diesem Kontext muss man auch hervorheben, dass Stadler nicht nur Lyriker war und später Professor für deutsche Literatur. Er übersetzte unter anderem auch französische Literatur ins Deutsche, wie Mathias Meert, Dozent für deutsche Sprache und Kultur an der ULB, erinnert. "Stadler war auch ein großer Kenner dieser französischen und französischsprachigen Literatur. Er fiel als Artillerieleutnant gegen ein Land, dessen Dichter und Kultur er so gut kannte. Das macht natürlich die ganze Geschichte auch sehr tragisch."
Ein Schicksal, das es auf beiden Seiten der Front gab, denn in den Schützengräben standen sich oft auch junge Künstler gegenüber, die vor dem Krieg befreundet waren, die sich gegenseitig bewundert und teilweise auch zusammengearbeitet hatten. "Das ist auch so ein bisschen der tragische Aspekt am Fall Stadler", führt Mitterbauer aus. "Seine Karriere als Dichter hat richtig geboomt. Er wird im Dezember 1913 schlagartig als führender Expressionist der Zeit bekannt. Kein Jahr später ist er tot - als junger Mann, der im Krieg gefallen ist."

Das Thema deutscher Expressionismus in Belgien sollte man trotzdem nicht nur auf Ernst Stadler reduzieren. Die deutsche Kolonie beziehungsweise Künstlerkolonie in und bei Brüssel spielte in dieser Hinsicht ebenfalls eine wichtige Rolle, vor und während des Kriegs. "In dem Sinn hat der Expressionismus als Strömung oder als Ästhetik auch in der Literatur eine sehr deutlich belgische Phase gehabt", betont Meert. Es gab auch massive Wechselwirkungen mit belgischen Künstlern, ergänzt Mitterbauer.
Der Expressionismus hat auch bis heute nichts von seiner Bedeutung eingebüßt, sind die Experten überzeugt. Im Gegenteil, er sei vielleicht sogar wieder relevanter geworden. "Ich glaube, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und damit den Expressionismus zu studieren, sagt auch sehr viel aus über unsere gegenwärtige Situation", meint die Professorin. Denn auch die Jahre vor und nach dem Krieg waren eine Zeit voller Unsicherheiten und Ängste, der großen Umbrüche, historischen Umwälzungen und sozialen Probleme.
"Aber es war auch noch die Zeit, in der Menschen wie Stadler internationale Karrieren machen konnten. Denn das ist auch ein Element dieser Zeit: Es ist eine sehr transkulturelle Phase, eine globalisierte Phase, die mit unserer durchaus vergleichbar ist", findet Mitterbauer. Diese Stimmung habe der Expressionismus ganz wunderbar eingefangen.
Boris Schmidt