Früher sprach man vom Teufel, dem biblischen "Diabolos" . Wörtlich ist das "einer der alles durcheinanderwirft, der verwirrt". Dieses Bild treffe auch auf unsere heutige Situation zu, sagt Anselm Grün - zum Beispiel beim Blick auf die unübersichtliche Kommunikationsflut mit ihren Fake News. Um sich nicht davon beherrschen zu lassen, brauche es eine Form der Askese: Wenn wir uns der Flut aussetzen, ist es ein Diabolos, der uns durcheinander bringt, so dass wir nicht mehr unterscheiden können zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen. Wenn wir ständig aufs Handy nach den neuesten Nachrichten schauen, tut das der Seele nicht gut. Es braucht das richtige Maß. Die Maßlosigkeit ist immer auch ein Dämon.
Wie Menschen früher mit negativen Kräften umgingen, die sie im Innen und Aussen spürten, ist für Anselm Grün eine Inspirationsquelle. Schon die frühen Mönche hätten mit inneren Dämonen gerungen - wie Angst und Traurigkeit, Zorn, Wut und Aggression, innerlicher Leere, Ruhelosigkeit und Überdruss.
Verstehen statt bewerten
In seinem Buch "Widerstehen und Wachsen" widmet sich Anselm Grün auch den gesellschaftlichen Mächten und Tendenzen. Einen Dämon sieht er zum Beispiel in der Rechthaberei. Wir bewerten alles, jede Äußerung eines Politikers oder Wirtschaftlers wird sofort bewertet. Man hat keine Chance mehr, vernünftig zu sprechen. Man ist einfach nicht mehr fähig, verschiedene Meinungen gelten zu lassen, hinzuhören, warum denkt der so oder hat diese Meinung. Ein wichtiger Grundsatz wäre verstehen statt bewerten.
Ein Grundsatz, der Anselm Grün auch in seinen therapeutischen Angeboten am Herzen liegt. Er begleitet Privatpersonen, aber auch Mitarbeiter von öffentlichen Behörden und Ministerien, die sich belastet fühlen. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Noch nie waren die bekannnten Fälle psychischer Erkrankungen so wie hoch wie heute. In seinen Einzelgesprächen spüre er die Nöte der Menschen, "die Tendenzen in der Gesellschaft, unter denen sie leiden. Sie sind alle interessiert und brauchen eine andere Spiritualität, eine andere Kraft, um in dieser Welt, in der sie ständig den Auseinandersetzungen ausgeliefert sind, bestehen zu können.
Werte statt Zahlen
Anselm Grün war 36 Jahre wirtschaftlicher Leiter der Benediktinerabtei in Münsterschwarzach. Noch heute gibt er Führungsseminare für Manager. Er hält es für wichtig, die Ökonomie nicht zu verabsolutieren. Auch das sei ein Dämon unserer Zeit : dass alles vom Geld bestimmt werde. "Ich muss bei den Menschen anfangen. Ich habe ein Buch geschrieben: "Führen heißt Leben wecken". Dann erzeuge ich Lust an der Arbeit, und dann stimmen auch die Zahlen. Es gibt genügend Untersuchungen, die zeigen, dass Firmen, die nur auf die Zahlen achten, in kurzer Zeit nicht mehr erfolgreich sind, während Unternehmen, die auf Werte achten, auf Dauer erfolgreicher sind.

Als einen Dämon im sozialen Miteinander sieht Anselm Grün ein mangelndes Mitgefühl. Eine Gesellschaft ohne Mitgefühl werde krank. "Die Psychologie und alle Religionen sagen, dass man das Ego loslassen soll und sich von dessen Macht befreien soll. Diese Herrschaft des Ego ist ein Dämon, der zu mangelndem Mitgefühl führt. Hinter dem Drang, sich nur noch selbst darzustellen, steckt mangelndes Selbstwertgefühl. Weil ich keinen Grund in mir selbst habe, muss ich nach außen eine harte Meinung vertreten.
Resilienz als Kraft
Was Menschen auch zunehmend belaste, sei ein empfundener Erwartungs- und Darstellungsdruck. Ein anderer Dämon sei die Polarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft.
Um den Widrigkeiten im persönlichen Leben wie auch den negativen Tendenzen in der Gesellschaft zu widerstehen, brauche es die Resilienz - ob als spirituelle oder psychologische Kraft, meint Anselm Grün. "Für mich ist der Glaube eine wichtige Kraft, mich dem entgegenzusetzen, dass ich auf Gott vertraue, in seiner Hand bin. Resilienz kann eine psychologische Kraft sein: Selbstwertgefühl, sich abgrenzen können, eine positive Form der Aggression. Das ist heute sicher ein Stück verloren gegangen."
Wie man die Resilienz wiedergewinnen kann und welche spiritellen und psychologischen Wege sie stärken können, zeigt Anselm Grün in seinem Buch "Widerstehen und Wachsen" auf. Es ist im Herder Verlag erschienen.
Ausführliches Radio-Interview mit Anselm Grün im Player:
Michaela Brück