Das Haus der Briefe: 300 Jahre Stadtgeschichte aus Sicht einer Familie

Der Eupener Unternehmer Alfred Küchenberg hat als ehemaliger Verleger des GrenzEcho-Verlags an der Wiege von so manchem Buch gestanden. Jetzt hat er - im fast buchstäblichen Sinne - die Seiten gewechselt und selber ein Buch geschrieben. "Das Haus der Briefe" lautet der Titel.

Bild: Manuel Zimmermann/BRF

"Haus der Briefe" von Alfred Küchenberg (Bild: Manuel Zimmermann/BRF)

Auf einem Dachboden steht eine fast vergessene Truhe, die aus einem Indiana-Jones-Film stammen könnte. Gehoben hat Alfred Küchenberg diesen Schatz voller Zeitdokumente mit seinem ältesten Sohn. Sie staunten nicht schlecht, was da schon seit vielen Jahren vor sich hin schlummerte.

„Diese alte Reisetruhe war eine Überraschung. Sie stand meiner Ansicht nach seit über 200 Jahren hier auf dem Speicher. Sie ist hier stehen geblieben, weil das Haus im Eigentum geblieben ist. Sonst wäre sie wahrscheinlich verschwunden. Wir wussten, dass sie da war. Aber intensiv reingeschaut haben wir nie“, erzählt Küchenberg. „Dann habe ich aber angefangen, mich für die Geschichte des Hauses und der Familien, die hier gelebt haben, zu interessieren.“

Beim Reinschauen ist es nicht geblieben. Es begann eine Entdeckungsreise durch die Familiengeschichte. „Ich habe mit meinem Sohn Adrian angefangen, die vielen Briefe und Dokumente rauszunehmen. Dann fing die ganz große Arbeit und Entdeckung erst an. Dadurch konnten wir die Familiengeschichten rekonstruieren. Das hat die Arbeit sehr spannend gemacht.“ So spannend, dass der Fund Lust auf mehr machte.

Viele Jahre hat Alfred Küchenberg mit fleißiger Ernsthaftigkeit an seinem Buch gearbeitet. Zahlreiche Archive wurden konsultiert. Geschichtsexperten haben begutachtet: „Da steckt viel Arbeit drin. Ich habe fünf bis sieben Jahre recherchiert. Angefangen mit dem Schreiben habe ich in der Corona-Lockdown-Zeit.“

Das Buch ist kein dröger Geschichtstext. Es ist viel mehr. Es verbindet die dreihundertjährige Familiengeschichte mit der Stadt-, Kultur- und Industriegeschichte Eupens und der Region. Dreh- und Angelpunkt ist aber das Bürgerhaus mit der Adresse Haas 42 in der Eupener Unterstadt.

„Es ist meinen Nachkommen gewidmet“, sagt Küchenberg. „Aber eigentlich ist es zugänglich für alle. Denn es geht um die Geschichten der Familien, die hier gelebt haben – all das eingeordnet in die Zeitgeschichte.“

Eigentlich sollte das Buch mit einem Kapitel über den Niedergang der Textilindustrie in der Region enden. Doch dann kam das Hochwasser, das auch das Haus der Küchenbergs in Mitleidenschaft gezogen hat. So erhielt das Geschichtsbuch eine besonders aktuelle Note. „An sich hatte ich mir einen anderen Schluss vorgestellt. Aber als die Flut kam, habe ich mir gedacht, dass das Jahrtausend-Event irgendwie noch ins Buch reinmusste, weil das Haus ja schwer betroffen ist. Deshalb habe ich noch ein kurzes Kapitel hinzugefügt. Das schien mir wichtig.“

Festzuhalten ist auch ein Grundgedanke, der dem Buch zu Grunde liegt. Auch wenn das Haus in der Haas den roten Faden bildet, sieht die Familie es nicht als einen reinen Rückzugsort, sondern als Ausgangspunkt für die Öffnung zur Welt, erklärt Alfred Küchenberg. „Es ist klar, dass die Heimat ein Anker ist. Aber ab und zu muss man die Anker loslassen, um in die weite Welt zu gehen. Ich habe immer gesagt: ‚Die Heimat im Herzen und die Welt im Blick.'“

„Das Haus der Briefe – 300 Jahre Familiengeschichte und Tuchindustrie“ ist im GrenzEcho-Verlag erschienen. Das Buch kostet 29,95 Euro.

Manuel Zimmermann