Bleib zu Hause, Mama! – Der Schriftsteller Wladimir Kaminer über seine Kreativ-Pause während der Corona-Krise

Wie viele Künstler muss auch der Bestsellerautor Wladimir Kaminer in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbot auf öffentliche Auftritte verzichten. Und er macht das Beste daraus: mit Youtube-Videos und Livestream-Lesungen.

Russendisko-Erfinder Wladimir Kaminer (r.) und BRF-Redakteur Stephan Pesch im Sommer 2013 in Berlin (Bild: Stephan Pesch/BRF)

Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Russendisko-Erfinder Wladimir Kaminer (r.) und BRF-Redakteur Stephan Pesch im Sommer 2013 in Berlin (Foto: privat).

„Russendisko“, „Militärmusik“ oder „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ sind einige der bekanntesten Buchtitel von Wladimir Kaminer. Der russischstämmige Autor zog 1990 von Moskau nach Berlin. Seitdem schreibt er unentwegt Bücher in deutscher Sprache und geht damit auf Lesereise. Auch in St. Vith hat er schon Lesungen gegeben.

Traum vom Rap-Sänger erfüllt

Wegen der Corona-Krise liegt das Tour-Programm zwangsläufig auf Eis. Langweilen tut sich der vielseitig Kreative aber nicht: „Ich erfülle mir einen alten Traum. Ich wollte immer eine Art Rap-Sänger werden. Rap-Songs schreiben für ältere Menschen: langsame Rap-Gesänge, wo jede Zeile wiederholt wird, damit das auch jeder versteht.“

Mit Yuriy Gurzhy („RotFront“) und weiteren befreundeten Künstlern produziert der Erfinder der Russen-Disko jetzt einen Corona-Song nach dem anderen: „Jetzt haben meine Freunde, die Musiker sind, auch nichts zu tun. Jetzt schreibe ich jede Woche ein Lied – und alle singen mit!“ Darunter sind so vielsagende Titel wie „Bleib zu Hause, Mama!“, „Alles ist zu!“ oder „Laut Medienberichten“. Eine Textprobe gefällig? „Laut Medienberichten kommen seltsame Geschichten, laut Medienberichten. Selbst gesehen? Nein, mitnichten!“

Neue Wortschöpfungen durch Corona

Es sei ja nicht einmal so, dass er die Corona-Krise auf die leichte Schulter nehme: „Ich versuche nur diese neue Welt näher kennenzulernen. Wir haben jetzt eine neue deutsche Sprache, die sehr interessant ist. Meine Songs bestehen nur aus diesen neuen Wortschöpfungen.“

Aus „Bundesregierung“ wurde „Corona-Kabinett“, aus dem Einkaufsbummel „Shoppen mit Auflagen“. Und es kommt noch besser, findet Wladimir Kaminer: „Ich habe gestern in der Zeitung gelesen, dass die Regierung in Schleswig-Holstein ihren Bürgern empfohlen hat, wie sie ihr Eis im Gehen schneller essen können ohne zu kleckern. Da wird ein „rasches Lecken“ empfohlen.“ Solche und andere Begleiterscheinungen verarbeitet der Alltagschronist Kaminer zu kleinen Kunstwerken: „Daraus entsteht eine Poesie, die ich erst jetzt entdecke.“

Mitunter falle es ja auch schwer zwischen Nachricht und Fake News zu unterscheiden, wenn etwa wegen der ausbleibenden Kreuzfahrtschiffe wieder Delphine in der Lagune von Venedig auftauchen: „Und die Russen brachten eben keine Wundernachrichten. Da habe ich mir ausgedacht, dass Lenin sich in seinem Mausoleum bewegt hat …“

Notizen am Rande der Pandemie

Jeden Donnerstagabend lädt Wladimir Kaminer im Netz zur Livestream-Lesung. Thema natürlich: die Corona-Krise oder um es mit dem Autor zu sagen: „Deutschland raucht auf dem Balkon.“

„Ich schreibe dieses Leidensbuch – das sind Notizen am Rande der Pandemie – immer weiter. Ich hoffe es wird nicht zu dick sein, dieses Buch.“ Diese Geschichten wird Wladimir Kaminer dann eines Tages auch auf der Bühne wieder vortragen. Erst einmal sind aber alle Auftritte aus dem Frühjahr auf den Herbst verschoben: „Wir können auch eine neue Zeitrechnung beginnen. Sollte diese Pandemie jemals vorübergehen, können wir sagen: Mai ist erst im September – und ab da machen wir weiter.“

Unverkennbar Wladimir Kaminer. Irgendwann gibt es dann sicher auch wieder eine Russendisko. Und nicht nur das aktuell begrenzte Angebot: „Alles ist zu, aus und vorbei – außer die Sparkasse und die Polizei.“

Stephan Pesch

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