AKW-Unfall in Tihange – eine Romanbesprechung

Der deutsche Autor und Journalist Roland Siegloff hat ein neues Buch veröffentlicht. "Wolke sechs" heißt der Roman, in dem Siegloff nicht nur das Brüsseler EU-Milieu, sondern auch noch eine andere Realität der belgischen Gegenwart eingebracht hat, die gerade auch in Ostbelgien eine Rolle spielt: nämlich das Atomkraftwerk von Tihange.

Tihange

Bild: Tanguy Jockmans/Belga

In der deutschsprachigen Literatur sorgte im vergangenen Jahr ein Brüssel-Roman für einigen Wirbel. „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse gewann damals den Deutschen Buchpreis. Der Roman bekam viel Anerkennung für die Geschichte, die auf amüsant-süffisante, aber auch durchaus ernstgemeinte Art Einblick in das Brüsseler Leben vor allem der EU-Mitarbeiter gab.

Jetzt gibt es wieder einen deutschsprachigen Roman, der zumindest zu Beginn wieder im Brüsseler EU-Milieu spielt. „Wolke sechs“ heißt der Roman, geschrieben wurde er vom Deutschen Roland Siegloff.

Handlung

Adrian Fox ist ein Brite, studierter Jurist, Mitte 40, in Brüssel als Lobbyist für die Atomenergiebranche unterwegs. Adrian Fox ist geschieden von einer deutschen EU-Beamtin, ihr gemeinsamer Sohn Tom lebt alle zwei Wochen beim Vater, der sich gut um den Sohn kümmert. Adrian Fox ist kurz davor, eine gute Provision einzustreichen, weil er der Atomindustrie gerade zu neuen EU-Fördergeldern verholfen hat.

Adrian Fox genießt so gut es geht sein Leben in Brüssel. Und dazu gehört auch das Flirten mit dem anderen Geschlecht. „Adrian Fox hatte Adriana Vlkova auf einer dieser typischen Brüsseler After-Work-Partys kennengelernt, wo Singles aus EU-Kreisen auf mehr oder weniger zwanghafter Suche nach einem Partner mehr oder weniger zwanglos mit Ihresgleichen zusammenkamen, und ihre Namensähnlichkeit hatte gleich einen Anknüpfungspunkt zum Gespräch geboten.“

Aus dem Treffen mit der EU-Beamtin Adriana wird eine lose Beziehung mit Höhen und Tiefen. Und gerade nach einer heißen Versöhnungsnacht mit der Slowakin passiert dann das, was dem Roman seine besondere Würze verleiht: Adrian Fox bekommt einen Anruf, morgens um 5:30 Uhr: „Das war so ungefähr das Letzte, was er um diese Zeit brauchen konnte. Hektisch suchte Adrian Fox erst nach der Hose, die am Abend auf dem Boden vor dem Bett liegengeblieben war, und dann nach dem Telefon, das in seiner Hosentasche unaufhörlich schellte. Als er das Gerät endlich in der Hand hielt, starrte er mit einer Miene auf das Display, als würde der Name des Anrufers mit chinesischen Schriftzeichen angezeigt (…): Was konnte Henny Herman De Haan, einer der wenigen Belgier in seinem Bekanntenkreis, ein Flame, den er einmal bei einem Besuch der nationalen Atomaufsicht kennengelernt hatte, heute plötzlich von ihm wollen – und dann noch um diese Uhrzeit?“

Nichts anderes als den Atomlobbyisten warnen: Das will De Haan. Denn am Atomkraftwerk von Tihange hat es in der Nacht einen Zwischenfall gegeben. Radioaktivität ist aus dem Kraftwerk ausgetreten. Eine Atom-Katastrophe droht.
Der deutsche Journalist Roland Siegloff lässt in seinem Buch also das geschehen, wovor viele sich fürchten. Ein ernster Zwischenfall an einem der maroden belgischen Atomkraftwerke.

Kein moralischer Zeigefinger

Das macht Siegloff ohne moralischen Zeigefinger. Weder gegen Belgien, noch gegen die Atomindustrie wird in seinem Buch offen und einseitig gewettert. Lediglich zwischen den Zeilen und indirekt lässt der Autor leichte Kritik erkennen.

Zum Beispiel, wenn er Adrian Fox über seine eigene Verantwortung als Atomlobbyist nachdenken lässt. „Durfte denn völlig falsch sein, was ihm all die Jahre Anerkennung in Form von Geld und guten Worten eingebracht hatte? Er war Teil eines Systems gewesen, gewiss. Aber hatte dieses System nicht zum wirtschaftlichen Wohlstand beigetragen und vielen Menschen – keineswegs nur ihm selbst – ein angenehmes Leben beschert? (…) Nein, an seiner Arbeit mochte er nichts grundsätzlich Falsches erkennen. Selbstverständlich gab es irgendwo irgendwelche Zusammenhänge zwischen dem Tun eines Atomlobbyisten in Brüssel und dem Weiterbetrieb eines rissigen, jahrzehntealten Reaktors an der Maas. Aber das wollte er gar nicht näher analysieren. Lieber verharrte er in dem sicher verankerten Gefühl, für diesen Unfall jedenfalls keine persönliche Verantwortung zu tragen.“

Der Roman wird auch wegen dieser Zurückhaltung des Autors mit moralischer Wertung zu einem Lesegenuss. Denn die Geschichte ist flüssig und interessant geschrieben, wechselt die Perspektiven der Erzähler, verzichtet auf unnötige Längen. Im dritten und letzten Teil warten einige Überraschungen.

Daneben schafft es Siegloff, auch weniger für den Plot zentrale Realitäten gut zu beschreiben. Zum Beispiel die Psychologie des Scheidungskindes Tom, die Werte einer osteuropäischen EU-Beamtin, die Spielchen um Macht innerhalb der EU-Kommission. Realitätsnah beschreibt Siegloff auch Zustände und Szenen in Brüssel – wo der Autor selbst mit seiner Familie lebt.

Und einige Seiten des Buchs spielen auch in Aachen. Denn dank eines Südostwindes zieht die Radioaktivität von Tihange im Roman nicht nach Deutschland, sondern Richtung England. Aachen liegt also auf dem Fluchtweg, den die Protagonisten in der Geschichte eingeschlagen haben. „Der Ort weckte bei Adrian Erinnerungen. Deutschland, das war für ihn zunächst Aachen gewesen. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte er seine Frau öfter auf ihre Einkaufstouren in die Domstadt gleich hinter der Grenze begleitet. (…) Hermeline hatte hier wie manche Brüsseler Expats regelmäßig eingekauft, jedes Mal mit Ausrufen des Erstaunens: Es ist wirklich alles viel billiger hier! Ich verstehe nicht, warum die Belgier hier nicht jedes Wochenende in Scharen zum Shoppen einfallen!“

Fazit: Wolke sechs ist ein schmaler Roman mit 208 Seiten, den man schnell und gerne liest. Und der neben leichter Unterhaltung auch durchaus Anregungen zu tiefgreifenderen Gedanken liefert.

Buchdetails

Roland Siegloff – Wolke sechs
Böhland & Schremmer Verlag 2018
Taschenbuch
208 Seiten, 12,95 Euro

Kay Wagner

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