Ist der Groschen endlich gefallen?

Die Reihe "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache" führt Professor Siegfried Theissen diesmal auf die Spur des Geldes.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Wer die menschliche Natur kennt weiß, dass es viele Redewendungen mit Geld geben muss. Einige davon werde ich hier erläutern:

Jemanden zur Ader lassen (jemandem sehr viel Geld abnehmen): Früher nahm man gern Kranken zu vermeintlichen Heilzwecken Blut ab. Wenige wurden geheilt, viele starben.

Etwas ausgefressen haben (eine Dummheit gemacht oder eine Straftat begangen haben). Hierfür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Man kann an eine Katze oder einen Hund denken, die etwas gefressen haben, das nicht für sie bestimmt war, was dann später auf Menschen übertragen wurde. Eine andere Deutung – und die interessiert uns hier – erinnert an einen mittelalterlichen Brauch: Wenn ein Schuldner seine Schulden nicht bezahlen wollte, wurden bei ihm Leute einquartiert, die alles, was sie bei ihm finden konnten, aufessen durften, bis er seine Schulden bezahlte oder das Haus verließ.

Das ist gang und gäbe (das ist geläufig): Ursprünglich bezog sich diese Redewendung auf Münzen, die im Umlauf (mittelhochdeutsch genge, verbreitet, daher Gang) waren und die jeder annahm (mittelhochdeutsch gaebe, angenehm, daher gäbe).

Das ist auf dich gemünzt! (damit bist du gemeint): Man denkt hier an eine Gedenkmünze, die den Namen oder das Porträt desjenigen trägt, den man ehren will.

Der Groschen ist gefallen! (er hat es endlich begriffen): Diese Redewendung ist zur Zeit der ersten Automaten entstanden, in die man einen Groschen (zehn Pfennig) einwerfen musste. Erst, wenn der Groschen gefallen war, bekam man das Gewünschte.

Unter den Hammer kommen (versteigert werden): Es handelt sich um den Hammer des Auktionators.

Damit ist es nicht weit her (das ist nicht viel wert): Was aus der Ferne kam, wurde und wird mehr geschätzt, als das, was man zu Hause hat.

Das ist kein Pappenstiel! (das ist nicht wenig): Es ist hier nicht von Pappe die Rede, sondern vom Stil des Löwenzahns (im Niederdeutschen auch papenblume genannt), also etwas ohne viel Wert.

Dies gilt auch für die beiden folgenden Redewendungen: Keinen Deut wert sein (nichts wert sein). Gemeint ist: Nicht einmal einen Deut, eine Kupfermünze von geringem Wert, wert sei. Was keinen Pfifferling wert war, war überhaupt nichts wert. Dieser Speisepilz (der Name erinnert an den leichten Pfeffergeschmack), der heutzutage teuer ist, war früher, als es ihn in Hülle und Fülle gab, nicht viel wert.

Ein teures Pflaster (ein teurer Ort): Dabei handelte es sich ursprünglich um die erste Bedeutung von Pflaster, nämlich Heftpflaster, das anfangs als medizinische Behandlung sehr teuer war. Jetzt denkt man nur mehr an die zweite Bedeutung, nämlich „Belag aus dichtgefügten Steinen“.

Einen Reibach machen (einen hohen Gewinn machen, meistens durch Betrug) kommt aus dem jiddischen rebach, das Zins bedeutet.

Jemand vom alten Schlag (jemand, der sehr vertrauenswürdig ist, so wie man sich die Leute früher vorstellte) oder jemand von echtem Schrot und Korn (jemand, der ehrlich und vertrauenswürdig ist) bringt man nicht direkt in Verbindung mit einer Münze. Trotzdem ist der Ursprung der ersten Redewendung eine Münze, die geschlagen (geprägt) worden ist. Die zweite „stammt aus der Münzkunde: Schrot (zu schroten – abschneiden) bezeichnete das Gewicht einer Münze, während Korn ihren Edelmetall- bzw. Feingehalt angab“ (Wahrig). Später wurde diese Echtheit auf ehrliche, zuverlässige Menschen übertragen.

Etwas springen lassen (Geld spendieren): Früher konnte man die Echtheit und das richtige Gewicht einer Münze dadurch erkennen, dass man sie auf dem Tisch springen ließ. Die Franzosen sagen übrigens auch en monnaie sonnante et trébuchante, wobei trébuchante nichts mit trébucher (stolpern) zu tun hat, sondern mit trébuchet (einer Waage).

Wenn man große Stücke auf jemanden hält, dann schätzt man ihn sehr. Große Stücke sind hier große Geldstücke. Gemeint ist, dass man bereit ist, jemandem, dem man vertraut, eine größere Summe zu leihen.

Va banque spielen (ein gefährliches Wagnis eingehen; alles auf eine Karte setzen) kommt aus dem französischen banque à tout va, d.h., dass die Bank im Bakkarat ihr eigenes Geld einsetzt.

Beim Wort genommen

Paradoxa und andere Ungereimtheiten:

  • Dem werde ich was husten! – Lieber nicht in der Grippezeit!
  • Mit einer Kanone auf Spatzen schießen. Soll an Flughäfen tatsächlich vorkommen!
  • Sich jemanden kaufen: Soll es in einigen arabischen Ländern immer noch geben.
  • Das Kind mit dem Bad ausschütten: Welche Rabenmutter tut denn so etwas?
  • Auf glühenden Kohlen sitzen oder wenigstens laufen. Scheint einigen indischen Derwischen nichts auszumachen.
  • Eigenartig, dass die meisten Deutschen „Ach komm!“ sagen, der Bayer aber „Ach geh!“.

Liebe und Literatur – Das ist ein weites Feld

Siegfried Theissen