Liebe und Literatur – Das ist ein weites Feld

In einer neuen Folge der Reihe "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache" widmet sich Professor Siegfried Theissen den weiten Themenfeldern Liebe und Literatur.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Zuerst einige Redewendungen über die Liebe im weitesten Sinne, aber es fängt direkt schlecht an.

Einen Korb bekommen (als Liebhaber abgewiesen werden) geht auf das Mittelalter zurück: Wenn ein junger Mann nachts seine Geliebte besuchen wollte, ließ diese, deren Schlafzimmer sich ja meistens im ersten Stock befand, an einem Seil einen Korb hinab, in den der Liebhaber stieg und den die Geliebte dann hochzog. Wenn nun die Dame des Liebhabers überdrüssig geworden war, flocht sie den Boden des Korbs so dünn, dass der Liebhaber während des Hochziehens hindurchfallen musste. Der Korb hatte also zuerst eine positive Bedeutung, die jedoch durch das boshafte Verhalten der Frau in eine negative gewandelt wurde.

Hatte die Angebetete sich einmal entschieden, dann half auch kein Süßholz raspeln (flirten) mehr. Kein Wunder, dass manche Männer nach so einer Behandlung Torschlusspanik bekamen (bang sein, keinen Ehepartner mehr zu finden). Diese Redewendung kann man wörtlich nehmen, denn im Mittelalter schloss man abends die Pforten der Stadt. Wer zu spät kam, musste zahlen oder draußen bleiben.

Die Väter hatten es damals auch nicht leicht, denn sie mussten ja ihre Töchter unter die Haube bringen. Verheiratete Frauen mussten eine Haube tragen, dagegen durften junge Mädchen egal welchen Kopfschmuck tragen.

Die Literatur liefert uns auch manche erwähnenswerte Redewendung, zum Beispiel wie es im Buche steht (mustergültig, kunstgerecht). Mit diesem Buch ist das Buch der Bücher, nämlich die Bibel gemeint.

Wenn etwas für Sie ein Buch mit sieben Siegeln (ein großes Geheimnis) ist, dann sollten Sie wissen, dass dies ein Zitat aus dem Evangelium des Heiligen Johannes ist.

Der springende Punkt (das Entscheidende) stammt von dem griechischen Philosophen Aristoteles, der dachte, dass der Blutfleck (punctum saliens) im Eiweiß der Ursprung des Lebens sei.

Von Shakespeare möchte ich auch eine Redewendung erwähnen: Morgenluft wittern (eine Chance wittern), eine Übersetzung von I scent the morning air aus „Hamlet“: Im Augenblick, wo der Geist die Wahrheit über den Tod von Hamlets Vater verkünden will, wird er durch den Anbruch des Tages, der ihn verschwinden lässt, daran gehindert.

Goethe darf hier natürlich nicht fehlen: Wenn Sie die Gretchenfrage stellen, dann stellen Sie die entscheidende Frage, die Gewissensfrage. Im Faust fragt Gretchen den Faust: „Nun sag‘, wie hast du’s mit der Religion?„.

Bei Goethe ist es auch besser, nicht nach dem Namen zu fragen, denn der Name ist Schall und Rauch (der Name bedeutet nicht viel), obwohl diejenigen, die einen anzüglichen Namen tragen, das nicht so sehen dürften.

Auch des Pudels Kern (das Wichtigste) haben wir Goethe zu verdanken: Als der Teufel, der sich in einen Pudel verwandelt hat, schließlich zum Vorschein kommt, ruft Faust aus: „Das war also des Pudels Kern!“

Das ist ein weites Feld! (Darüber ließe sich viel sagen): Eine nichtssagende Redewendung deren Erfolg wir Theodor Fontanes Roman Effi Briest (1894) zu verdanken haben. Sie ist jedoch viel älter, denn man findet sie schon im Simplicissimus von Grimmelshausen (17. Jahrhundert). Ursprünglich dachte man an das Korn auf einem weiten Feld, das man noch ernten musste.

Wer sich dieser Redewendung bedient, hat sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen (sich mit eigenen Mitteln aus einer ausweglosen Situation befreit), denn dann braucht man keine eigenen Ansichten oder Argumente mehr. Diese Lügengeschichte mit dem Schopf und dem Sumpf hat uns, Sie haben es schon erraten, Baron Münchhausen aufgetischt.

Beim Wort genommen

Paradoxa und andere Ungereimtheiten: Von kuscheln bis kuschen ist es nur ein einziger Buchstabe, der, mit dem die „iebe Zeit“ beginnt.

Wenn Sie abwarten, wie der Hase läuft, werden Sie ihn nie erlegen.

Kann man ein Häufchen Elend über den Haufen fahren?

Jemandem die Haut abziehen. Was sind das denn für Methoden? Aber das soll es schon gegeben haben.

Das Herz auf dem rechten Fleck haben. Und ich habe immer gedacht, bei den meisten Menschen wäre das eher auf der linken Seite.

Jemandem ans Herz gewachsen sein. Wie soll man sich das vorstellen? Oder meinten Sie siamesische Zwillinge?

Mir rutschte das Herz in die Hose. – Könnte das nicht etwas anderes gewesen sein?

Man kann mit allen Hunden gehetzt sein und doch vor die Hunde gehen.

Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist!

Vom Wahrsagen lässt sich’s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheitsagen!

Kein X für ein U vormachen

Siegfried Theissen