Nicht alles über einen Leisten schlagen

In einer neuen Ausgabe der "Streifzüge" nimmt sich Professor Siegfried Theissen diesmal Redewendungen vor, die wir verschiedenen Berufsgruppen verdanken.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Alles über einen Leisten schlagen (alles gleich behandeln, keinen Unterschied machen): Der Schuster kann nicht alle Schuhe über den gleichen Leisten schlagen. Er braucht kurze und längere.

Jemanden über den Löffel barbieren (jemanden betrügen): Manche Barbiere steckten alten Männern mit eingefallenen Wangen (wegen der fehlenden Zähne) einen Löffel in den Mund, um sie so besser rasieren zu können.

Einen Schnitzer machen (einen bösen Fehler machen): Ein Kunsthandwerker kann beim Schnitzen mit einer falschen Bewegung ein Kunstwerk nachhaltig beschädigen.

Dort, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat (die Tür): Natürlich hat nicht der Zimmermann, sondern der Maurer das Loch für die Tür gelassen.

Weber und Schneider haben bei den folgenden Redewendungen Pate gestanden:

Auf Draht sein (flink, tüchtig sein). Dies wird oft in Verbindung gebracht mit einer gut funktionierenden Telefonverbindung. Draht ist jedoch nur ein anderes Wort für Faden, im Niederländischen draad. Was „auf dem Faden“ war, war richtig genäht.

Jemanden nach Strich und Faden betrügen (auf jede mögliche Art). Aus dem Weberhandwerk: Ein gewebtes Tuch besteht aus Strich (die Faserrichtung) und Faden, bei dem man einen eventuellen Fadenbruch feststellen kann. Wenn beide korrekt gewebt sind, ist das Tuch in Ordnung. Die pejorative Bedeutung ist erst später hinzugekommen.

Verflucht und zugenäht! (verflixt): Diese Redewendung findet man schon in einem alten Studentenlied: „Und da fast täglich, wie zum Hohn, ihm Knopf um Knopf abgeht, so hat er seinen Hosenlatz verflucht und zugenäht.“ In einem anderen Studentenlied geht es erotischer zu: „Als mir mein Liebchen die Folgen unserer Liebe gesteht, da hab ich meinen Hosenlatz verflucht und zugenäht.“

In der Wolle gefärbt sein (ganz echt, durch und durch): Wenn ein Stoff schon in der Wolle gefärbt ist, halten die Farben länger.

An einen Kaufmann denkt man bei: Jemandes Handel und Wandel (jemandes Tun und Lassen): Früher bezog sich diese Redewendung nur auf den Kaufhandel. Der Handel waren die Kaufgeschäfte und der Wandel der Tauschverkehr.

Das passt mir nicht in den Kram (das passt mir nicht, das kommt mir ungelegen): Hier ist der Kram die Ware des Krämers. Er verkaufte nur, was in sein Sortiment passte.

Bei jemandem in der Kreide stehen (bei jemandem Schulden haben) ist eine modernere Variante des Kerbholzes. Alle Schulden eines Kunden wurden mit Kreide auf eine Tafel geschrieben. Das Französische hat eine ähnliche Redewendung: Avoir une ardoise chez quelqu’un. Dort denkt man an die Schiefertafel, auf die die Schulden mit Kreide geschrieben wurden.

Bei Die Puppen tanzen lassen (ausgelassen feiern) denkt man an einen Puppenspieler, der alle Puppen zugleich tanzen lässt.

Außer Rand und Band sein (sehr übermütig sein; nicht zu bändigen sein) erinnert an den Küfer, für den es eine Katastrophe ist, wenn die Bänder eines Fasses gesprengt sind, wodurch es auseinanderfällt.

Schlimm war es für einen Nachtwächter, wenn er von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte (nichts von einer Sache verstand), denn dann konnte er nicht jede volle Stunde mit einem Trompetenstoß (oder rufend und singend) ankündigen und dann war er für diesen Beruf nicht geeignet.

Den Metzger erkennt man sofort in Das ist mir Wurst! (das ist mir egal). Dafür gibt es gleich zwei Erklärungen: 1. Da die Wurst zwei Enden hat, kann man sie egal wo anschneiden. 2. Die Metzger taten früher (und tun noch immer?) alle möglichen Fleischreste in die Wurst. Wenn ein Lehrling fragte: „Wohin damit?“, antwortete der Meister: „In die Wurst!“

Auch die nächste Redewendung hat etwas mit der Wurstküche zu tun: Mit der Wurst nach der Speckseite werfen (mit einer kleinen Gabe oder Gefälligkeit eine größere einhandeln wollen). Eine Speckseite ist eben mehr wert als eine Wurst.

Unrecht Gut gedeiht nicht

Siegfried Theissen

Ein Kommentar
  1. ralf zilles

    Dieser Beitrag war mir nicht schnuppe…(wo kommt wohl dieser Ausdruck her?)