Er wollte mich aufziehen, aber ich habe ihm gezeigt, was eine Harke ist

In dieser Folge von "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache" erklärt Professor Siegfried Theissen "streitbare" Redewendungen.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Redewendungen, in denen von Streit die Rede ist, gibt es in Hülle und Fülle. Einige sollte man sich näher anschauen:

Wenn Sie es drauf anlegen, jemanden zu ärgern, dann wollen Sie ihn unbedingt ärgern. Dieses Anlegen geht auf das Anlegen des Schützen zurück.

Einen Streit anzetteln (provozieren) ist fast dasselbe wie einen Streit vom Zaun brechen (anfangen). Die erste Redewendung hat nichts mit einem Papierzettel zu tun, sondern mit Zettel in der Bedeutung „Gesamtheit der Längsfäden eines Gewebes“. Es ist also, als webte man an einem Streit.

Für die zweite findet man als Erklärung, dass zwei, die sich schlagen wollen, Latten aus einem Zaun brechen. Man kann aber auch an Nachbarn denken, die sich über einen Zaun hinweg streiten. Wenn Sie jemanden aufziehen, wollen Sie sich über ihn lustig machen. Es handelt sich hier nicht um das Aufziehen einer Uhr, sondern um eine mittelalterliche Foltermethode, bei der man jemanden, dessen Füße mit Gewichten beschwert waren, an einem Seil hochzog.

Sie können den betreffenden auch durch den Kakao ziehen. Hoffentlich weiß der dann nicht, dass Kakao hier eine Verballhornung von Kacke ist.

Bei jemandem aufs Dach steigen (ihn zurechtweisen) ist es gut zu wissen, dass es sich dabei um einen mittelalterlichen Brauch handelt: Man stieg einem Geächteten aufs Dach, um ihm das ganze Dach abzudecken.

Wenn man keinen guten Faden an jemandem lässt (schlecht über ihn redet), kann es sein, dass man irgendwann sein Fett bekommt (seine verdiente Strafe kriegt). Im ersten Fall denkt man an einen Weber, der jeden Faden seines Lehrlings kritisiert. Das Fett in der zweiten Redewendung mutet etwas seltsam an. Wahrscheinlich handelte es sich ursprünglich um ein Stück Fett, das jeder Helfer bei einer gewonnenen Schlacht zur Belohnung bekam.

Wollen Sie jemanden tadeln, dann stehen Ihnen verschiedene Redewendungen zur Verfügung: Noch ziemlich harmlos ist jemanden ins Gebet nehmen (ihn zur Rechenschaft ziehen) oder ihm eine Standpauke halten. „Ins Gebet nehmen“ hat nichts mit einem Gebet zu tun, sondern mit dem Gebiss (früher Gebett) des Pferdes. Man meint also an die Kandare nehmen.

Standpauke ist aus Standrede und pauken entstanden. Pauken bedeutete früher schlagen (deshalb die Pauke als Schlaginstrument). Später nahm pauken dann die Bedeutung predigen an. Lehrer nannte man deshalb auch Pauker.

Energischer als die oben genannten Redewendungen ist dann jemanden Mores lehren, aus dem lateinischen Wort mos (Plural mores) für Sitte.

Heftig ist auch jemandem eine Gardinenpredigt halten (heftige Vorwürfe machen). Ursprünglich waren dies die Vorwürfe, die eine Frau ihrem Mann hinter den Gardinen des Ehebettes machte.

Wenn Sie jemanden energisch zurechtweisen wollen, können Sie ihm zeigen, was eine Harke ist oder sogar mit ihm Karussell fahren. Die erste Redewendung geht, der Sage nach, auf eine Geschichte aus dem 16. Jahrhundert zurück: Ein Bauernsohn, der nach seinem Studium in der Fremde, nach Hause zurückkehrt, gibt vor, die Namen aller Werkzeuge vergessen zu haben. Als er versehentlich auf die Zinken einer Harke tritt und der Stiel ihm gegen den Kopf schlägt, soll er ausgerufen haben: „Verdammt, das war eine Harke!“ In einer anderen Version sagt der Vater: „Siehst du, das ist eine Harke!“ Das Karussell in der zweiten Redewendung erinnert an den Drill der Rekruten, die man immer wieder um den Übungsplatz laufen ließ.

Die Zurechtweisung wird noch rücksichtsloser, wenn Sie mit jemandem Schlitten fahren. Wahrscheinlich denkt man hier an jemanden, der hinter dem Fahrer auf einem Schlitten sitzt und diesem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.

Eigenartigerweise kann man auch einen Mann zur Minna machen (scharf tadeln). Man hat dann vielleicht vergessen, dass Minna die Abkürzung von Wilhelmina ist, dem Vornamen vieler Dienstmädchen, die oft schlecht behandelt wurden.

Getadelt werden ist nicht sehr angenehm, aber bevormundet werden auch nicht. Das tun Sie jedoch, wenn Sie jemanden am Gängelband führen. „Das Gängelband ist ein Gürtel mit Schulterbändern, mit dem man Kinder hält, die noch nicht richtig gehen können“ (Wahrig).

Wenn man Ihnen heimleuchtet (Sie derb abweist), dann hat man Ihnen wahrscheinlich einen Strich durch die Rechnung gemacht (Ihren Plan vereitelt). Die erste Redewendung hatte zuerst eine positive Bedeutung: Früher wurden Gäste auf dem Rückweg von einem Laterne tragenden Diener begleitet, der ihnen buchstäblich ‚heimleuchtete‘. Einen Strich durch die Rechnung machte man, wenn sie falsch war.

Wenn Sie ein Vorgehen als unfair betrachten, sagen Sie: Das war ein Schlag unter die Gürtellinie und wissen natürlich, dass diese Redewendung aus der Sprache der Boxer kommt, denen ein Schlag unter die Gürtellinie verboten ist. In dieser Redewendung handelt es sich glücklicherweise nicht um einen echten Schlag.

Dies ist wohl der Fall, wenn Sie die Hucke vollkriegen (eine Tracht Prügel). Diese Hucke findet man auch in jemandem die Hucke volllügen (ihn frech belügen). In beiden Fällen bedeutet Hucke (das zuerst eine Last und dann eine Kiepe war) Rücken.

Total am Ende sind Sie jedoch erst, wenn Sie in die Pfanne gehauen werden (total besiegt). Dann vergleicht man Sie mit Eiern, die man in die Pfanne haut.

Wer suchet, der findet …

Prof. Siegfried Theissen

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