Hand aufs Herz!

In Folge 15 der Reihe "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache" von Prof. Siegfried Theissen geht es um Redensarten mit Hand oder Händen.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Es gibt sie wie Sand am Meer, aber die meisten sind so transparent, dass man ihre Bedeutung oder ihre Herkunft nicht erklären muss. Bei einigen jedoch lohnt es sich, sie unter die Lupe zu nehmen.

Hand aufs Herz! (Gib es ehrlich zu!) ist eine Beteuerungsformel, die nach einem alten Volksglauben die innersten Kräfte zur Wahrheit aufrufen sollte. Frauen mussten beim Schwur vor Gericht die Hand auf die linke Brust legen. Männer dagegen schworen beim Barte, wenn sie denn einen hatten!

Die Hand über jemand halten (ihn beschützen) geht auf das Begnadigungsrecht im Mittelalter zurück: Herren, denen dieses Recht zustand, konnten die Hand über Angeklagte oder Verurteilte halten und sie so außer Verfolgung setzen.

Die Hand im Spiel haben (bei etwas Negativem beteiligt sein) bezog sich zuerst auf das Kartenspiel.

Das liegt auf der Hand bedeutet, dass etwas klar ist: Was auf der Hand liegt, sieht man sofort.

Jemandem die Hand auf etwas geben (ihm etwas versprechen) findet seinen Ursprung in dem alten Brauch, ein Geschäft oder ein Versprechen mit einem Handschlag zu besiegeln. Unter der Hand verkaufen (privat verkaufen) heißt, dass es nicht jeder sehen kann, wie bei einem öffentlichen Verkauf.

Jemandem die Hand geben tat man schon bei den alten Römern. Es war zuerst nur das Zeichen, dass man keine Waffe in der Hand trug, dass man also friedliche Absichten hatte. Diesen Brauch gibt es nicht in allen Kulturen: Als Frau darf man nicht erwarten, dass ein Islamist einem die Hand gibt.

Hand und Fuß haben (gut durchdacht sein) scheint auf den ersten Blick nicht sehr logisch zu sein. Müsste es nicht eher heißen ‚Hände und Füße‘ haben? Die Redensart in dieser Form versteht man erst, wenn man weiß, dass im Mittelalter die rechte Hand (mit der das Schwert geführt wurde) und der linke Fuß (den der Ritter zuerst in den Steigbügel setzte) von besonderer Bedeutung waren. Weder Hand noch Fuß haben: Schrecklich! Wie soll man da von der Hand in den Mund leben oder einen Fuß vor den anderen setzen?

Die öffentliche Hand (Sammelbegriff für den gesamten öffentliche Sektor) mutet etwas sonderbar an: Weshalb ‚Hand‘? Vielleicht, weil der Staat immer die Hand aufhält?

Hand an sich legen ist ein Euphemismus für ’sich selbst töten‘ und hört sich auch besser an als ‚Selbstmord begehen‘, denn man vermeidet so das unschöne Wort ‚Mord‘.

Auch mir ist die Hand ausgerutscht ist viel akzeptabler (glaubt der Täter) als ‚ich habe ihm/ihr eine Ohrfeige gegeben‘. Eigentlich ist es jedoch nur eine billige Entschuldigung, denn der Fuß kann einem zwar ausrutschen, aber die Hand?

Um die Hand eines Mädchens anhalten (bei den Eltern einen Heiratsantrag machen) ist auf den ersten Blick etwas unvollständig, denn man will doch mehr als nur die Hand (welche eigentlich?)! Ein alter germanischer Brauch (zum Glück haben wir den immer zur Hand!) macht den Pars pro Toto deutlich: Wenn der Vater des Mädchens (die Mutter hatte sowieso nichts zu sagen!) mit dem Antrag einverstanden war, legte er die Hand seiner Tochter in die des zukünftigen Bräutigams. Wieso gibt es eigentlich nicht ‚um die Hand eines Mannes anhalten‘? Wo bleibt da die Gleichberechtigung?

Jemandem aus der Hand fressen (sehr fügsam sein) sollte man eigentlich nur von Tieren sagen. Die Franzosen sind hier etwas kultivierter, denn bei ihnen heißt es ‚manger dans la main‘, also ‚essen‘ und nicht ‚fressen‘!

Wenn man bei dichtem Nebel sagt: Man sah die Hand nicht vor den Augen, dann übertreibt man. Ist es jedoch pechschwarze Nacht, dann stimmt die Redensart. Das Heft in der Hand haben (die Leitung haben): Es handelt sich hier natürlich nicht um das Schulheft, sondern um das Heft eines Messers oder eines Schwertes.

Die Oberhand haben (jemandem überlegen sein): Während eines Zweikampfs hielt der Überlegene seine Hand über den Besiegten, bis sich dieser schließlich geschlagen gab.

Seine Hände in Unschuld waschen (so tun, als hätte man mit einer Sache nichts zu tun) steht schon in der Bibel und erinnert an Pontius Pilatus. Ich bin übrigens nicht überzeugt, dass die Hände davon sauber werden.

Jemanden auf Händen tragen (liebevoll behandeln und ihr/ihm jeden Wunsch erfüllen) ist ein so prägnantes Bild, dass man es nicht näher erklären muss. In den USA darf man es, wegen des Übergewichts vieler Leute, jedoch immer weniger wörtlich nehmen und bald auch bei uns!

Das Handtuch werfen (den Kampf aufgeben): aus dem Boxsport. Wenn einer der Boxer am Ende war, warf sein Trainer das Handtuch in den Ring, als Zeichen für das Ende des Kampfes.

Im Handumdrehen (in kürzester Zeit; ohne Mühe): Es handelte sich ursprünglich um die kaum wahrnehmbare Handbewegung der Zauberer und Gaukler. Jemandem das Handwerk legen (jemanden daran hindern, Schaden anzurichten): Handwerker, die sich in Zünften zusammengeschlossen hatten, duldeten nicht jeden neuen Handwerker. Außerdem wurde jemand, der sich etwas zu Schulden hatte kommen lassen, sofort ausgeschlossen.

Jemandem ins Handwerk pfuschen (sich unbefugt und ungeschickt in jemandes Tätigkeitsfeld einmischen): Im Mittelalter war ein Pfuscher jemand, der heimlich Arbeit verrichtete, die einem von der Zunft anerkannten Handwerker vorbehalten war.

Zum Schluss noch drei Sprichwörter: Eine Hand wäscht die andere (man hilft sich gegenseitig zum beiderseitigen Vorteil) hat meistens einen negativen Beigeschmack: Man denkt dann an Klüngelei.

Kalte Hände, heißes Herz heißt doch eigentlich nur, dass jemand Fieber hat.

Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte Hand tut (wenn man Gutes tut, soll man nicht damit prahlen) bezog sich ursprünglich auf das Geben von Almosen. Der Evangelist, der das geschrieben hat, konnte nicht wissen, dass es später mal Pianisten geben würde.

Das kannst du dir an den Hut stecken!

Siegfried Theissen

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