Von Blauen Wundern und der grünen Witwe

Sprache ist durchaus bunt, denn Farben tauchen häufig in Redewendungen auf. Bei seinen Streifzügen durch die Muttersprache geht Professor Siegfried Theissen diesmal Redensarten auf den Grund, die grün oder blau gefärbt sind.

Siegfried Theissen schreibt "Gedanken zur deutschen Muttersprache" für BRF.be

Wenn Sie ohne Grund nicht zur Schule oder zur Arbeit gehen, dann machen Sie blau. Die Herkunft findet man im blauen Montag – einem arbeitsfreien Tag: Die Tuchfärber ließen ihre Wolle den ganzen Sonntag in einem Indigofarbbad liegen. Montags wurde die Wolle an der frischen Luft getrocknet, wo sie sich blau oxydierte, ein richtiges blaues Wunder! Während dieses Vorgangs machten sie sich einen freien Tag, sie machten also blau.

Blaues Wunder ist im Volksmund auch der Name einer Elbbrücke in Dresden. Die Ende des 19. Jahrhunderts gebaute eiserne Hängebrücke galt seinerzeit als technisches Wunderwerk und laut Wahrig verdankt sie ihren Namen dem blauen Schutzanstrich.

In blümerant („mir wird ganz blümerant“, also unwohl, schwindelig) werden Sie wahrscheinlich nicht sofort erkennen, dass auch hier blau eine Rolle spielt, aber diese Redensart geht tatsächlich zurück auf das französische bleu mourant (also sterbendes Blau), eine Variante von bleu pâle, blassblau. Den Zusammenhang von unwohl, schwindelig und blassblau haben Sie natürlich schon erraten. Bei Sauerstoffmangel wird man ja ganz blau im Gesicht. Dazu braucht man übrigens nicht blau zu sein! Früher sagte man: Mir wird ganz blau vor Augen, heute ist dieses Blau schwarz geworden.

Ich brauche Ihnen hier keinen blauen Dunst vorzumachen, d. h. Ihnen etwas Falsches zu sagen. Diese Redensart findet ihren Ursprung bei den Zauberern und Taschenspielern, welche die Zuschauer mit blauem Dunst vernebelten, damit diese ihre Tricks nicht erraten konnten. Und die Zuschauer sind ja meist so blauäugig (also naiv), dass sie alles glauben, was sie sehen.

Wie steht es mit Grün? Diese Farbe war schon immer das Sinnbild des Wachstums, des Lebens und also meistens etwas Positives. Aber eben nicht immer! Wenn jemand noch grün hinter den Ohren ist, ist er noch jung und unerfahren.

In dem Ausruf der Verwunderung oder der Überraschung „Ach du grüne Neune!“ ist die grüne Neune die Pik-neun, die in verschiedenen Kartenspielen grün war und Unheil verkündete. Wenn jemand Ihnen nicht grün ist (gibt es nur im negativen Sinn), Sie also nicht mag, wird er bestimmt nicht sagen: „Komm an meine grüne Seite„, also an die linke Seite, die Seite des Herzens. Aber warum grün? Eine mögliche Erklärung wäre der Jägerrock, der auf der rechten Seite aus Leder war (weil man da das Gewehr anlegte) und links aus grünem Stoff, wie ja alles an der Kleidung des Jägers, der dadurch im grünen Wald weniger auffällt.

Wenn jemand Sie über den grünen Klee lobt, also übertrieben lobt, dann weiß er wahrscheinlich gar nicht, woher diese Redewendung stammt: Im Mittelalter schwärmten die Dichter über das Kleeblatt, als Glück bringendes Symbol der Natur. Wenn man jemand noch mehr lobte als das Kleeblatt, musste man ihn schon sehr schätzen.

Die grüne Witwe hat übrigens auch etwas mit der Natur zu tun: Diese erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Redensart meint eine nicht berufstätige Ehefrau (also überhaupt keine Witwe!), die auf dem Land oder am Stadtrand wohnt und den ganzen Tag allein ist, weil ihr Mann in der Stadt arbeitet, wo er vielleicht am grünen Tisch wichtige Entscheidungen treffen muss. Am grünen Tisch (immer nur im Dativ!), weil die Konferenztische meistens einen grünen Bezug haben oder hatten.

Wenn Sie auf keinen grünen Zweig kommen (es also zu nichts bringen), da könnte es passieren, dass Sie letztendlich in der grünen Minna landen, dem grün angestrichenen Gefangenentransportwagen (grün, weil die Polizeiuniformen von 1918 bis 2003 grün waren und Minna als Kosenamen für Wilhelmine). Dieser Wagen heißt oder hieß verständlicherweise in England Schwarze Maria (Black Maria), weil er schwarz war. Übrigens, der grüne Zweig findet seinen Ursprung darin, dass der Verkäufer früher manchmal dem Käufer einen grünen Zweig als Glückwunsch überreichte.

Als letzte „grüne“ Redensart möchte ich Ihnen „Nochmal dasselbe in Grün“ (also „dasselbe“) servieren. Dies sagt etwas aus über die Klassengesellschaft vor hundert Jahren: Damals waren die Fahrscheine 1. Klasse bei der Bahn gelb, der 2. grün, der 3. braun und in der 4. grau. Am Schalter kam es dann vor, dass ein Fahrgast sagte: Nochmal dasselbe in Grün!

Aber hatte ich nicht auch Paradoxa versprochen? Nun, paradox ist, wenn ein Grüner, der blau ist, grün und gelb wird vor Neid, sich schwarz ärgert und dann rot sieht oder wenn ein Rotlichtviertel vom Stadtrat grünes Licht bekommt.

Nächstes Mal befassen wir uns mit Redewendungen, in denen Wasser eine Rolle spielt.

Ihr Siegfried Theissen

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Ein Kommentar
  1. Gottfried Koonen

    Na, hat ja ziemlich lange gedauert bis diese 2. Seite erschienen ist. Sie gefällt mir ganz gut, ist kurtzweilig und informativ.
    Da Sie Professor sind, glaube ich Ihnen einfach einmal die Erklärungen, welche Sie geben. Ich kann es ja nicht, oder nur sehr schwer nachprüfen.
    Für mich könnte die Seite allerdings noch etwas humorvoller sein, wie es z.B. die Paradoxa sind.
    Freue mich allerdings schon auf die nächste Seite von Ihnen, genau wie über die Sendungen in Eupener Platt!

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