Punk-Frauen gegen Putin: „Schauprozess“ gegen Pussy Riot

Für Pussy Riot wird es nach ihrer Kritik an Putin und der Kirche richtig ernst - vor Gericht. Den Punk-Frauen drohen sieben Jahre Straflager. Menschenrechtler sprechen von einem Justizskandal.

"Schauprozess" gegen Pussy Riot beginnt

"Schauprozess" gegen Pussy Riot beginnt

Seit fast fünf Monaten sitzen drei Frauen der Moskauer Skandalband Pussy Riot in Untersuchungshaft – ihr Vergehen: Sie beteten in einer Kirche für ein Ende von Kremlchef Wladimir Putin. Wegen Rowdytums und Aufwiegelns zu religiösem Hass müssen sie sich deshalb von diesem Montag an vor Gericht verantworten.

Menschenrechtler sprechen von einem „Schauprozess“ und einem beispiellosen Justizskandal. Zwar wächst die Solidarität auch von Prominenten wie Sting, der Band Franz Ferdinand und anderen Musikern und Künstlern.

Dennoch drohen den Frauen sieben Jahre Haft in einem Straflager. Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) – beide Mütter – sowie Jekaterina Samuzewitsch (29) sind angeklagt, mit einem Punk-Gebet gegen Putin am 21. Februar in der Erlöserkathedrale in Moskau die Gefühle von Gläubigen grob verletzt zu haben. Die Kirche gilt als das Herz des russisch-orthodoxen Christentums.

Übertragung im Internet

Bilder zeigen, wie die Frauen in dem eigentlich nur für Würdenträger zugänglichen Altarraum mit Strickmasken vermummt herumspringen und sich bekreuzigen. Für Aufsehen sorgte aber vor allem ein Internet-Video der Aktion, das mit dem Lied „Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!“ vertont ist. Putin selbst zeigte sich nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten öffentlich angewidert von der Protest-Performance. „Ich hoffe, dass sich so etwas nie wiederholt“, sagte er am 7. März. Viele nahmen dies wohl als Wink, an den Frauen ein Exempel zu statuieren.

Wegen des großen Interesses an dem Prozess hat das Gericht eine Übertragung der Verhandlung im Internet angekündigt. Die Staatsanwaltschaft wirft Pussy Riot vor, an den jahrhundertealten Grundfesten der russisch-orthodoxen Kirche gerüttelt zu haben. Sie sieht in den früheren Philosophie- und Journalistikstudentinnen eine Gefahr für die Gesellschaft. Dagegen betonen die Verteidiger von Pussy Riot, dass sich die Frauen mit der umstrittenen Aktion auf das Recht der freien Meinungsäußerung berufen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die Musikerinnen nach ihrer Festnahme im März deshalb als politische Gefangene anerkannt.

Eine Minute Protest

„Dieses Verfahren ist politisch. Es wird direkt von Putin oder seiner Umgebung gesteuert“, sagte der Verteidiger Nikolai Polosow. Die Frauen bereiteten sich deshalb schon innerlich auf eine Straflagerhaft vor. Polosow kritisierte, dass die Verteidigung nicht genügend Zeit gehabt habe, die Akten zu studieren. Die Ermittler haben sieben Bände mit rund 3000 Seiten vorgelegt – wegen rund einer Minute Protest gegen Putin und die Kirche.

Schon bei den zahlreichen Gerichtsterminen – unter anderem dem zur Haftprüfung – in den vergangenen Wochen haben Beobachter immer wieder hervorgehoben, dass die Musikerinnen ungebrochen seien. Der Regisseur Wladimir Mirsojew, der im Gerichtssaal war, spricht von einem „himmelschreienden Kontrast zwischen denen, die richten, und denen, die angeklagt sind“.

„Die toten Gesichter der Richter, die bösen Grimassen einer Gerichtshelferin. Die wandernden Augen des Staatsanwalts. Die Mädchen von Pussy Riot sind dagegen schön, ihre Reden sind klar und ausgewogen“, sagte Mirsojew in einem Interview der Zeitung „Iswestija“. Kommentatoren warnten, dass die Gesellschaft durch das übermäßig harte Vorgehen gegen die Frauen zunehmend gespalten werde.

Auch Kirchenfunktionäre wie der Diakon Andrej Kurajew kritisierten, dass bei der Anklage gar nicht klar sei, wer Anzeige erstattet habe und wer der Geschädigte sei. Zwar hätten die Feministinnen Gotteslästerung begangen. Aber auch Kurjaew äußerte die Vermutung, dass es um Politik gehe.

Von Ulf Mauder, dpa - Bild: Natalia Kolesnikova, afp

Kommentar hinterlassen
5 Kommentare
  1. Lukas Hodiamont

    Wenn Elisabeth Sabaditsch-Wolff Wahrheiten über einen gewissen Religionsgründer ausspricht und dafür vom Oberlandesgericht Wien verurteilt wird interessiert sich dafür kein Menschenrechtler, niemand spricht von einem “Schauprozess” und einem beispiellosen Justizskandal.
    Wenn man Geert Wilders monatelang vor Gericht zerrt weil er die Wahrheit über den Islam anprangert interessiert sich dafür ebenfalls kein Menschenrechtler, niemand spricht von einem “Schauprozess” und einem beispiellosen Justizskandal.

    Den christlichen Glauben darf man natürlich nach belieben verhohnepiepeln, Kreuze mit Kot beschmieren, den Papst mit einem Ornat mit Urinflecken abbilden, und wenn weltweit rund 100 Millionen Christen in rund 50 Ländern wegen ihres Glaubens verfolgt werden interessiert sich dafür ebenfalls kein Menschenrechtler. Im Islam würde man diese Damen sicher steinigen, so haben sie lediglich mal ein paar Jahre Zeit über ihr Verhalten nachzudenken. Die Konsequenzen ihrer Handlung waren ihnen ja sicher vorher bekannt.

  2. Pit Demmer

    Uff… das ist aber harter Tobak Herr Hodiamont!

    Wer gibt Ihnen das Recht über diese Mädels so zu urteilen? Sie kennen weder die Mädels noch eine einzige der 3000 Seiten Ermittlungsakten.

    „…lediglich mal ein paar Jahre…“ – Sie sprühen ja nur so vor Nächstenliebe und der Fähigkeit zur Vergebung!

    Ihr Kommentar tritt die Maxime des Christentums mit Füßen – aber das ist eine ganz lange, ganz alte und sehr bekannte Geschichte…

    Pit Demmer

  3. Lukas Hodiamont

    @Pit Demmer
    Ich urteile nicht über „diese Mädels“, sondern über deren Handlung.
    Dazu muß ich die nicht kennen und auch die 3000 Seiten Akten nicht.
    Im Belgischen Strafgesetzbuch sind für derlei Handlungen die Strafen nicht so hoch, aber unter Strafe steht es. Wenn diese „Mädels“ das in Russland veranstalten sollten sie halt vorher mal ins Russische Strafgesetzbuch schauen. Zumal solche Aktionen nur aus Geltungssucht und als Werbegag unternommen werden. Um etwas politisch zu verändern gibt es bessere Wege.

    Aber es ist klar das viel Menschen Ihrer Ansicht sind. Erst einmal „Mädels“, also Welpenschutz. Dann gegen Christentum, also gut.
    Wer meine Nächsten sind und meine Nächstenliebe verdient bestimme ich selber.
    Mir geht das langsam auf die Nerven das jeder Verständnis für marodierende Moslems hat wenn mal ein paar Mohammedkarikaturen erscheinen, und das mit deren Kultur entschuldigt wird, andererseits Christen aber ständig einen Maulkorb bekommen mit dem Argument der „Nächstenliebe und der Fähigkeit zur Vergebung“

  4. Pit Demmer

    Wahnsinn!

    „Wer meine Nächsten sind und meine Nächstenliebe verdient bestimme ich selber.“

    DER ist wirklich „Klasse“!

    Das man das Wort Gottes interpretieren kann ist mir bewusst – das man dabei aber sooo weit gehen kann… Alle „Achtung“!

    Pit Demmer

  5. Raphael Kreusch

    Um etwas politisch zu verändern, gibt es bessere Wege, Herr Hodiamont? In Russland, dessen politisches System für seine Flexibilität und Partizipation weltweit berühmt ist? Pussy Riot wusste über die Konsequenzen ihrer Aktion bescheid, keine Sorge. Dass sie dennoch ihren Protest durchgezogen haben, zeigt wohl mehr als eindeutig, dass es in Moskau mit der politischen Veränderung dann doch nicht so einfach ist …

    Die Religionsdiskussion spare ich mir. Zumal die Aktion der drei Musikerinnen keinen Angriff auf die Religion, sondern auf das Regierungssystem darstellt. Da eine weitere Debatte pro Christentum und contra Islam übers Knie zu brechen, ist echt überflüssig beziehungsweise opportunistisch. Nur eine Anmerkung: Wer glaubt, christliche Nächstenliebe – oder die equivalenten Respekt und Zuneigung für die weniger gläubigen unter uns – müsse man sich „verdienen“, sollte vielleicht noch mal über seine Glaubensfestigkeit nachdenken …

Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150