Wie das Gehirn auf Stimmen reagiert: Neue Erkenntnisse

In Sekundenschnelle haben wir ein erstes Urteil über unser Gegenüber gefällt. Dabei spielen verschiedene Eindrücke eine Rolle. Jülicher Wissenschaftler haben untersucht, welche Hirnareale aktiv sind, wenn Menschen Stimmen beurteilen. Prof. Dr. Simon Eickhoff erklärt die Forschungsergebnisse.

Wie das Gehirn auf Stimmen reagiert: Neue Erkenntnisse

Wie das Gehirn auf Stimmen reagiert: Neue Erkenntnisse

„Wir haben Versuchspersonen im funktionellen Magnetresonanztomographen untersucht. Diese Probanden haben Stimmen vorgespielt bekommen – ganz gewöhnliche Alltagssätze wie ‚Können Sie mir sagen, wie spät wir haben?‘ oder ‚Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen?‘. Alles Sätze, die auch eine gewisse soziale Komponente haben“, erklärt Prof. Dr. Simon Eickhoff vom Forschungszentrum Jülich.

„Die Probanden sollten beurteilen: Wie alt klingt diese Stimme? Wie fröhlich klingt die Stimme? Und das war für uns das Interessante: Wie vertrauenswürdig, wie attraktiv klingt sie? So haben wir dann versucht herauszufinden, ob es Gehirnareale gibt, die für diese sozialen Urteile verantwortlich sind. Die Frage: Sind bestimmte Regionen im Gehirn stärker aktiv, wenn wir uns ein soziales Urteil bilden – im Vergleich zu einem Urteil über das Alter oder die Fröhlichkeit?“

Das Fazit: Diese Regionen gibt es. Insbesondere eine Region im mittleren Stirnlappen ist bei der sozialen Beurteilung aktiv. Ein ähnliches Experiment hatten die Jülicher Foscher schon mit Gesichtern gemacht. „Und es war genau dieselbe Gehirnregion, die auch für die Beurteilung von Gesichtern notwendig ist. Das heißt: Es scheint, dass wir in unserem Gehirn ein Zentrum haben, das sich auf solche komplexen und abstrakten sozialen Urteile spezialisiert.“

Solche Erkenntnisse sind wichtig, um zu verstehen, wie das menschliche Gehirn aufgebaut, organisiert und verschaltet ist. Aber  mittel- bis langfristiges Ziel der Forscher ist, zu verstehen, was im Gehirn „schieflaufen“ kann – zum Beispiel bei Patienten mit Depressionen oder Schizophrenie. „Aus dem Verständnis, wie das Gehirn normalerweise funktioniert, versuchen wir dann die Grundlage zu bilden, um zu verstehen, wie das Gehirn und wie die Netzwerke bei Patienten zum Beispiel mit psychischen Erkrankungen verändert sind.“

„Außerdem wollen wir herausfinden, welche Interaktionen im Hintergrund stehen. Unser Gehirn hat ganz viele hochspezialisierte Regionen – aber alleine auf sich gestellt können die trotzdem nicht viel machen. Es gibt eine ganze Menge Austausch mit anderen Gehirnregionen. Zum Beispiel mit den Regionen, die überhaupt erst einmal die Sprache verarbeiten, den Regionen, die das Gesehene verarbeiten, und den Regionen, die mit dem autobiographischem Gedächtnis arbeiten.“

„Das ist das, was wir in Zukunft herausfinden wollen: wie diese Prozesse ablaufen, wie diese Regionen ineinander greifen, um dann letztlich so etwas Komplexes, aber doch unheimlich Wichtiges wie soziale Urteile zu erreichen.“

bm/mm - Bild: Emmanuel Dunand (afp)

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150