Stürmisch war das Wetter in unserer Region am Samstag Abend, und das sowohl vor dem Opernhaus als auch drinnen. Mit einem Sturm beginnt nämlich auch die Oper "Otello" von Giuseppe Verdi, und während dieses Sturms kehrt der siegreiche venezianische General Otello mit dem Schiff zu seinem Stützpunkt auf Zypern zurück. Das Libretto der Oper stammt von Arrigo Boito und ist basiert auf dem berühmten Schauspiel "Othello, der Mohr von Venedig" von William Shakespeare.
Giuseppe Verdi komponierte das Stück 1887, im Alter von 74 Jahren. Seit dem Welterfolg von "Aida" 15 Jahre zuvor hatte er keine neue Oper mehr komponiert, und eigentlich wollte er das auch nicht mehr tun. Aber seine Liebe zu Shakespeare und die Beharrlichkeit seines Verlegers haben ihn schließlich doch dazu gebracht, mit "Otello" und danach "Falstaff" noch zwei Opern zu komponieren, die extrem erfolgreich waren und für die damalige Zeit geradezu revolutionär.
Francesco Lanzillotta ist der Gastdirigent der "Otello"-Produktion in Lüttich, und er findet, dass die Bedeutung von Giuseppe Verdi für die Entwicklung der Oper nicht überschätzt werden kann. Wenn man sich die erste und die letzten Opern Verdis anhört, die er im Abstand von vielen Jahrzehnten komponiert hat, dann hört man ganz deutlich, wie sich seine Vorstellung vom Musiktheater in dieser Zeit verändert hat.
Verdis Bedeutung liegt laut Francesco Lanzillotta nicht nur darin, dass er wunderschöne Musik geschrieben hat, sondern auch darin, dass er die Idee der Oper in der Musikgeschichte verändert hat. Eine der auffälligsten Neuheiten im "Otello" ist die Tatsache, dass die Oper nicht aus einzelnen aneinandergereihten Musikstücken besteht, sondern dass die Musik und die Dramaturgie von Anfang bis Ende durchlaufen und so der Entwicklung der Geschichte genau folgen.
Mit Verdis "Otello" hat die Lütticher Oper zum Saisonabschluss ein sehr populäres Meisterwerk programmiert, und passend dazu wird die nächste Saison wieder mit Verdi starten – und auch mit Shakespeare, denn am 18. September fällt der Startschuss in die Saison 2026-27 mit Verdis Oper "Macbeth". Die Produktion des "Otello" in Lüttich hat gezeigt, dass dem Haus nicht nur das italienische Repertoire sehr am Herzen liegt, sondern dass auch Shakespeare im Musiktheater seinen festen Platz hat.
Regisseur Allex Aguilera inszeniert das Werk düster und dramatisch, passend zum inneren Konflikt des Otello, der hin- und hergerissen wird zwischen seiner Liebe zu seiner Frau Desdemona und den Aussagen des verleumderischen Jago, der ihm einredet, dass Desdemona Otello betrügt. Am Ende tötet Otello aus Eifersucht seine unschuldige Ehefrau, und nachdem er dann herausfindet, dass Jago die Affäre nur erfunden hat, begeht Otello Selbstmord.
Luciano Ganci als Otello als auch Roman Burdenko als Jago liefern eine hervorragende Vorstellung, sowohl gesanglich als auch schauspielerisch. Das gleiche gilt für Maria Teresa Leva, die Otellos Frau Desdemona spielt. Daneben überzeugt vor allem auch der Chor der Lütticher Oper, der in vielen Szenen auftritt und sowohl Momente von gewaltiger Klangfülle und Dramatik abliefert, als auch intimere und nachdenklichere Atmosphären schafft. Das Orchester ist wie immer hervorragend aufgelegt, und Gastdirigent Francesco Lanzillotta, der beim "Otello" übrigens zum allerersten Mal in Lüttich dirigiert hat, zeichnet sich als absoluter Kenner des italienischen Repertoires aus.
Alles in allem kann man resümieren, dass die letzte Produktion des Jahres den vorhergehenden sowohl optisch als auch akustisch in nichts nachstand und Lust gemacht hat auf mehr. Und dieses "Mehr" kann man ab September erleben, wenn mit "Macbeth" wieder Verdi und Shakespeare in Lüttich Einzug halten. Mit Dramatik pur endete die aktuelle Lütticher Opernsaison, und mit der gleichen Dramatik wird hoffentlich auch die neue beginnen.
Patrick Lemmens