Segeln ohne Grenzen - dafür steht der Heinz Kettler Cup. Die inklusive Regattaserie wurde 2023 ins Leben gerufen und bringt Menschen mit und ohne Behinderung in gemeinsamen Crews an die Startlinie. Gesegelt wird im Liga-Format auf speziell angepassten RS Venture Connect-Booten, die den Segelsport auch Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Einschränkungen ermöglichen. Das Ziel: Wettkampfsport auf Augenhöhe und gleichzeitig mehr Sichtbarkeit für inklusives Segeln.
Nach den ersten Jahren in Deutschland kam die Serie zum ersten Mal nach Ostbelgien. Sieben Boote waren in Worriken dabei.
Für Mitbegründer Clemens Kraus steckt hinter dem Heinz Kettler Cup eine klare Idee. "Wir sind als Verein angetreten, die Inklusion und den Frauensegelsport zu fördern", erklärt er. Viele Vereine verfügten jedoch nicht über das notwendige Know-how, um selbst inklusive Regatten auszurichten. Deshalb setzt der Cup auf Partnerschaften mit Vereinen und möchte eine Rennserie aufbauen, die über die deutschen Grenzen hinausgeht. "Wir haben gesagt: Dann machen wir eine inklusive Serie, wo wir von Club zu Club im Jahr wie eine kleine Bundesliga fahren - und jetzt fast mit Champions-League-Charakter, weil wir das erste Mal in Belgien sind."
Von den Bedingungen im Yachtclub Warche zeigt sich Kraus begeistert. "Ich bin hellauf begeistert von diesem Klub, weil hier Klubleben wirklich noch gelebt wird und auch das inklusive Leben wirklich gelebt wird." Besonders beeindruckt ihn der persönliche Einsatz der Vereinsmitglieder: "Mit viel Herzblut macht dieser Klub einen grandiosen Job".
Auch sportlich hat das Revier seine Tücken. "Das Revier ist ganz tricky", sagt Kraus. Am Vortag habe der Wind bis zu 18 Knoten erreicht. Gerade die vielen Winddreher machten den Kurs anspruchsvoll. "Wenn man vorne mit dabei sein will, muss man ziemlich gut und herausfordernd segeln und vor allen Dingen ganz schnell auf die Dreher reagieren."
Im Mittelpunkt steht dabei das inklusive Segeln. Der Verein verfügt mittlerweile über acht speziell angepasste Boote, die künftig nicht nur in Deutschland, sondern auch international eingesetzt werden sollen. "Die sind so adaptiert und angepasst, dass das Handicap wirklich an Land bleibt", beschreibt Kraus das Konzept. Genau darin sieht er eine der großen Stärken des Formats: "Sobald die auf dem Boot sind, sagen die Segler selber: Wir haben kein Handicap mehr".
Die eigentlichen Herausforderungen liegen nach seiner Einschätzung häufig nicht auf dem Wasser, sondern an Land. Viele Vereine seien noch nicht vollständig barrierefrei. Hinzu kämen für Menschen mit Behinderung finanzielle Belastungen sowie die Organisation von An- und Abreise. Auf dem Wasser dagegen sollen die speziell ausgerüsteten Boote die Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderung möglichst ausgleichen.
Dass dies in Worriken funktioniert, ist auch dem Engagement von Alexandra Grosjean aus Francorchamps zu verdanken. "Die Inklusion muss mehr international werden", sagt er. Deshalb sei es für den Verein eine besondere Ehre gewesen, das Finale des Heinz Kettler Cups ausrichten zu dürfen.
Einfach war die Organisation allerdings nicht. "Unser Klub ist wirklich nicht barrierefrei", erklärt Grosjean. Für die Veranstaltung mussten unter anderem mobile Toiletten und ein Zelt organisiert werden. "Wir mussten alles an unserem Klub barrierefrei machen." Ohne finanzielle Unterstützung und Zuschüsse wäre die Veranstaltung nach ihrer Einschätzung nicht möglich gewesen.
Für Grosjean macht gerade das gemeinsame Segeln den besonderen Reiz aus. "Es ist super, dass Personen mit Handicap und Personen ohne Handicap zusammen segeln können." Sobald die Boote auf dem Wasser seien, verschwinde die Unterscheidung: "Wir sind wirklich ein Team und jeder macht seine Arbeit und wir probieren, so schnell wie möglich zu segeln."

Auch für die Seglerinnen und Segler selbst ist dieser Aspekt entscheidend. Steffi Brix aus Kiel lebt mit Multipler Sklerose und ist seit zwei Jahren beim Heinz Kettler Cup dabei. Für sie bedeutet inklusives Segeln vor allem Freiheit und Selbstständigkeit: "Inklusives Segeln ist einfach eine Möglichkeit, sich selber neu und unabhängig auf dem Wasser zu bewegen." An Land gebe es für Menschen mit Behinderung zahlreiche Hürden und Barrieren. "Auf dem Wasser haben wir die nicht. Und das macht für mich Segeln als Sport sehr attraktiv."
Gemeinsam mit ihrem Segelpartner Dirk Thalheim bildet Brix eine besondere Crew. Thalheim ist seit 1988 querschnittgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Im Boot spielt die Behinderung jedoch kaum noch eine Rolle. Die Boote verfügen über zwei speziell angepasste Sitze, von denen aus gesegelt werden kann. "Wenn man im Boot sitzt, die Regatta fährt oder überhaupt den Sport macht, spielt die Behinderung überhaupt keine Rolle", sagt Thalheim.
Auch Brix war zunächst skeptisch angesichts des vergleichsweise kleinen Stausees in Worriken. "Als ich den See gesehen habe, habe ich gedacht: Oh je, der ist aber klein." Doch der erste Eindruck täuschte. "Jetzt muss ich sagen: Der ist klein, aber oho." Winddreher und wechselnde Bedingungen forderten die Crews und machten das Revier zu einer sportlichen Herausforderung.
Dass die Serie künftig weiter wachsen soll, begrüßt Brix ausdrücklich. Derzeit umfasst der Heinz Kettler Cup drei Spieltage pro Saison. Mehr Wettbewerbe wären aus ihrer Sicht wünschenswert, denn die Möglichkeiten für inklusives beziehungsweise Para-Segeln seien begrenzt. "Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, inklusive oder Para-Segelregatten zu machen", sagt sie. "Insofern würde ich das sehr befürworten."
Die internationale Premiere in Belgien könnte damit erst der Anfang sein. Kraus denkt bereits weiter: Perspektivisch soll aus dem Heinz Kettler Cup eine internationale Serie mit einem Charakter ähnlich einer Champions League werden. Rennen in mehreren Ländern könnten das inklusive Segeln stärker vernetzen und weitere Vereine für das Konzept gewinnen. Nach Deutschland und Belgien soll die Serie künftig auch in Norwegen Station machen.
Radio-Interview mit Clemens Kraus im Player:
Christophe Ramjoie





