Diskriminierende Äußerungen im Sport sind für viele ostbelgische Sportlerinnen und Sportler leider keine Ausnahme, sondern eine wiederkehrende Erfahrung. Bei Spielen mit ostbelgischer Beteiligung – insbesondere gegen Mannschaften aus dem wallonischen Raum – kommt es immer wieder zu abwertenden Zurufen von den Zuschauerrängen.
Begriffe wie "sale Schleuh" oder "sale Boche" werden gezielt eingesetzt, um Spieler aus Ostbelgien zu treffen. Diese Begriffe sind keine harmlosen Provokationen. Sie verweisen bewusst auf die deutsche Sprache, die Geschichte der Region und eine zugeschriebene "fremde" Identität. Ziel ist es, Ostbelgier als "nicht richtig zugehörig" zu markieren und herabzusetzen. Noch vor wenigen Wochen waren solche Rufe bei einem Spiel von Olympia Recht deutlich und lautstark vom Spielfeldrand zu hören.
Dabei existieren im Fußball – wie auch in anderen Sportarten – klare Regelungen für den Umgang mit diskriminierenden Äußerungen. Schiedsrichter haben grundsätzlich die Möglichkeit, Spiele zu unterbrechen oder abzubrechen, wenn sie entsprechende Vorfälle wahrnehmen. In der Praxis jedoch bleibt ein Eingreifen häufig aus – sei es, weil die Äußerungen nicht gehört werden oder weil ihre Tragweite unterschätzt wird.
Für die Betroffenen stellt sich damit eine schwierige Frage: Wie soll man reagieren, wenn man als Spieler "sale Schleuh" oder "sale Boche" hört, das Spiel aber weiterläuft? Soll man versuchen, es zu ignorieren? Soll man den Schiedsrichter darauf aufmerksam machen? Oder wäre es legitim, den Platz zu verlassen?
Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Der Umgang mit Diskriminierung ist immer auch sportartspezifisch geregelt – Fußball folgt anderen Mechanismen als etwa Handball. Dennoch gilt ein grundlegendes Prinzip: Grundrechte enden nicht am Spielfeldrand.
"Ein Fußballer, eine Sportlerin – wer auch immer – hat ein Anrecht darauf, nicht diskriminiert zu werden", betont Nina Reip, die sich seit vielen Jahren intensiv mit Diskriminierung im Sport auseinandersetzt und heute beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) arbeitet. Antidiskriminierung sei ein fundamentales Prinzip demokratischer Gesellschaften – und dieses gelte selbstverständlich auch im Sport.
Gleichzeitig sei es wichtig, begrifflich genau zu unterscheiden. Nicht jede Beleidigung erfülle automatisch den juristischen oder wissenschaftlichen Tatbestand der Diskriminierung – auch wenn sie klar verletzend gemeint sei. "Diskriminierung ist im Kern die Abwertung von Menschen aufgrund bestimmter Merkmale", erklärt Reip. Dazu zählen unter anderem Herkunft, Sprache, Hautfarbe, Geschlecht oder Alter.
Herkunft – und damit auch die regionale und historische Zugehörigkeit Ostbelgiens – ist dabei ausdrücklich ein solches Merkmal. Begriffe wie "sale Schleuh" oder "sale Boche" zielen genau darauf ab: Sie knüpfen an Sprache, Geschichte und kollektive Zuschreibungen an und degradieren Menschen aufgrund ihrer Herkunft. Insofern handelt es sich nicht nur um eine persönliche Beleidigung, sondern um eine diskriminierend motivierte Herabsetzung.
Zugleich weist Reip darauf hin, dass Diskriminierung häufig auch eine strukturelle Dimension habe. Sie zeige sich nicht nur in einzelnen Rufen, sondern in systematischen Benachteiligungen – etwa durch dauerhaft ungleiche Behandlung, eingeschränkte Zugänge oder institutionelle Entscheidungen. "Diskriminierung bedeutet oft, dass Menschen strukturelle Nachteile haben", so Reip.
Übertragen auf den Sport in Belgien stellt sich daher die Frage, ob ostbelgische Vereine über Einzelfälle hinaus benachteiligt werden. Viele Spieler, Verantwortliche und Fans empfinden genau das – insbesondere im Profifußball. Immer wieder wird der Vorwurf laut, Vereine wie die AS Eupen würden von Schiedsrichtern strenger beurteilt oder benachteiligt, weil man sie als Vertreter Ostbelgiens "nicht in der höchsten Liga haben wolle".
Beweise für eine solche systematische Benachteiligung sind schwer zu erbringen. Reip mahnt hier zur Differenzierung: "Viele Mannschaften fühlen sich benachteiligt – das gehört leider auch zum Sport." Fußball sei kein vollständig objektives System, sondern geprägt von menschlichen Entscheidungen. Dennoch sei die Grenze klar. "Wenn ein Schiedsrichter nicht neutral ist, dann ist er auf dem Platz nicht mehr an der richtigen Stelle."
Besonders gravierend werden Vorfälle dort, wo verbale Diskriminierung in offene extremistische Symbolik umschlägt – etwa durch das Zeigen des Hitlergrußes, was auch bei Spielen mit ostbelgischer Beteiligung vereinzelt berichtet wird. Solche Gesten seien keinesfalls spontan oder harmlos. "So etwas macht man nicht aus Versehen", sagt Reip. Dahinter stünden erlernte Haltungen, oft weitergegeben über Generationen hinweg.
Rechtlich wird der Umgang mit solchen Symbolen in Europa unterschiedlich bewertet. Während sie in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden, sind die Grenzen der Meinungsfreiheit in Belgien teilweise anders gezogen. Unabhängig davon sei jedoch klar: "Ich finde das ganz fürchterlich und lehne das absolut ab – gerade aufgrund der Geschichte."
Neben Schiedsrichtern und Verbänden sieht Reip auch die Zuschauer in der Verantwortung. Diskriminierung auf den Rängen müsse nicht hingenommen werden. "Fanblöcke können sehr laut sein – sie können auch sehr laut werden, wenn Rassismus oder Diskriminierung passiert." Es gebe zahlreiche Beispiele, in denen Fans klar Stellung bezogen, Täter gemeldet und Sanktionen ausgelöst hätten.
Gesamtgesellschaftlich zeigt sich ein ambivalentes Bild. Einerseits nehmen beleidigende, diskriminierende und rechtsextreme Äußerungen wieder zu – auch befeuert durch soziale Medien, wo Verrohung der Sprache alltäglich geworden ist. "Das wird eingeübt", erklärt Reip, "und taucht dann irgendwann auch auf Sportplätzen auf." Andererseits gebe es ebenso eine wachsende Zahl von Menschen, die sich bewusst dagegenstellen.
Für einen respektvolleren Umgang im Sport sieht Reip mehrere Ansatzpunkte. Veränderung beginne beim Individuum: "Wir alle haben eine Vorbildfunktion. Kinder und Jugendliche schauen sehr genau hin." Zivilcourage, gemeinsames Einschreiten und das Nutzen von Meldesystemen seien entscheidend.
Darüber hinaus seien Vereine – gerade im Breiten- und Amateursport Ostbelgiens – gefordert, sich klar zu positionieren. "Was ist unsere Identität? Welche Werte vertreten wir?" Diese Werte müssten sichtbar gemacht und gelebt werden – etwa durch Leitbilder, Satzungen und klare Verhaltensregeln.
Der Sport ist kein neutraler Raum. Er spiegelt gesellschaftliche Spannungen wider – auch jene rund um Identität, Geschichte und Zugehörigkeit in Ostbelgien. Umso wichtiger ist es, diskriminierende Begriffe wie "sale Schleuh" oder "sale Boche" nicht zu relativieren, sondern klar als das zu benennen, was sie sind: eine Grenzüberschreitung, die im Sport keinen Platz haben darf.
Ausführliches Radio-Interview mit Nina Reip im Player:
Christophe Ramjoie
Es ist nunmal leider so, dass hohle Köpfe unbelehrbar sind (gegen Dummheit ist nunmal leider kein Kraut gewachsen!!) und zudem immer am lautesten ihre Dummheit rausbrüllen. Es ist immer wieder das gleiche Prinzip: andere erniedrigen um sich selbst aufzuwerten. Typischer Ausdruck von schlechtem Selbstwertgefühl!