Trendforscher Eike Wenzel: Profifußball ist das neue Hollywood

Hoch lebe König Fußball - auch in Zeiten von Corona. Oder etwa doch nicht? Dafür, dass er sich trotz aller Einschränkungen für außerordentlich wichtig hält - sogar für "systemrelevant" - ist der Profifußball zuletzt heftig kritisiert worden. Unter anderem von dem deutschen Trendforscher Eike Wenzel.

Das Al-Janoub-Stadion in Doha ist als einer von acht Austragungsorten für die Fußball-WM 2022 vorgesehen (Bild: Bruno Fahy/Belga)

Bild: Bruno Fahy/Belga

Herr Wenzel, welche Rolle spielt Fußball heute?

Der Fußball ist mittlerweile in ganz Europa und international zu einer begehrten Ware geworden. Es gibt ja nichts, was Sie besser teilen und in Umlauf bringen können und dafür viel Geld aufrufen können. Fußball versteht jeder, da ist jeder Bundestrainer, da kennt sich jeder aus. Und mittlerweile gibt es ja auch Kultfiguren, das hat angefangen mit Ronaldo und Messi. Ein paar andere kommen langsam dazu. Wir stellen fest, dass der Fußball jetzt in Corona-Zeiten so ein bisschen zu einem neuen Hollywood geworden ist. Da kann man sich mit auseinandersetzen, das hat tatsächlich auch Soap-Charakter, Unterhaltungs-Charakter, aber auch eine sehr authentische Wurzel – das eigentliche, sehr schöne und sehr einfache Spiel.

Wenn Sie dem Fußball einen gewissen Soap-Charakter nachsagen, eignet sich ‚Gute Zeiten, schlechte Zeiten‘ als Beispiel. Sind es gute oder schlechte Zeiten? 

Durch die Corona-Krise ist es überall nicht mehr lustig, was Wertschöpfung angeht. Das trifft auf den Fußball auch zu. Beim Fußball merkt man jetzt, dass er Teil eines Systems ist in der Weltwirtschaft der letzten 30 Jahre, die darauf gebaut hat, dass man alles sehr auf Naht näht. Das heißt, dass man mit gigantischen Gehältern und Ablösesummen arbeitet, um sozusagen das eigene Team aufzumöbeln. Natürlich sind auch nach wie vor – wenn der Fußball wieder normal läuft, mit Publikum – beim Merchandising so hohe Gewinnspannen drin, dass man dieses Risiko gerne eingegangen ist. Und Corona hat uns auch da so ein bisschen gezeigt oder nachdenklich werden lassen, dass möglicherweise dieser Betrieb in der Form, wie wir es bislang gemacht haben, nicht mehr weiterzuführen ist.

Schaufelt sich der Profifußball, so wie wir ihn kennen, möglicherweise sein eigenes Grab?

Der Profifußball muss aufpassen und er muss so ein bisschen Nachhaltigkeits-Maßstäbe akzeptieren, die ihm sagen, es könnte sein, dass die Einbrüche länger dauern. Es könnte sein, dass die Leute nicht mehr so viel Geld haben. Gerade in Deutschland gibt es bestimmte wichtige Leute in großen Vereinen – ich nenne da natürlich Bayern München an erster Stelle, aber auch Borussia Dortmund – die ja tatsächlich glauben, wirklich systemrelevant zu sein, und da könnten sie einen großen Fehler machen. Es könnte schon passieren, dass in den nächsten Jahren die Menschen nach der Corona-Krise auch sagen: Wir setzen mal andere Schwerpunkte und brauchen vielleicht nicht das Sky-Abo in vollem Umfang. Also es kann durchaus sein, dass in den nächsten Jahren dadurch, dass wir jetzt auch nicht so nah am Ball dran sein können, wie wir alle gerne wären, dass es da schon so eine Eintrübung gibt und dass die Fußball-Branche selbst sich ein bisschen überschätzt und auch ein bisschen überdreht, auch ein bisschen finanziell überdreht und in der eigenen Wichtigkeit, zumindest in der eigenen Wahrnehmung der Wichtigkeit, einige Fehler macht. Und da habe ich im Moment so ein bisschen Bedenken. Bei der Hälfte der deutschen Bundesligavereine hatte ich Bedenken, dass sie denken, dass alles so weiter geht. Und bei der anderen Hälfte merkt man, dass so langsam die Signale ankommen und dass vernünftige Wachstumsstrategien gefahren werden. Da würde ich Vereine nennen wie Werder Bremen, ganz vorne dabei Eintracht Frankfurt, SC Freiburg, die wirklich nachhaltige Strategien haben und auch schon länger haben. Bei einigen anderen Vereinen sehe ich das überhaupt nicht.

Und wie wird es „nach Corona“ sein? Werden die Fans dann wieder in die Stadien strömen?

Ich glaube, dass es da erstmal keinen Abbruch geben wird. Ich glaube schon, wenn wir wieder dürfen, dass wir wieder alle rein wollen, dass wir schnell rein wollen. In Deutschland sind die Stadien wirklich überbucht. Die Bayern könnten zwei Stadien füllen, wenn sie wollen. Und die sind nicht der einzige Verein, bei denen das der Fall ist. Aber ich glaube, dass das, was in letzter Zeit passiert ist, mit dieser Geschichte, dass Bayern und Hoffenheim mehr da so eine Soap inszeniert haben, das kommt bei den Fans nicht so gut an. Wir haben in Deutschland auch eine Szene von Ultras, das hört sich gleich nach was weiß ich was an, aber diese Ultras sind einfach Leute, die sozusagen die Tradition des Sports wahren wollen, was natürlich seit 20 Jahren vergeblich ist, aber die auch mit ganz klaren Werten gegenüber ihrem Verein auftreten, die in der Corona-Krise tatsächlich auch sich sozial ganz stark engagiert haben und die tatsächlich nicht mit irgendwelchen Rechtsradikalen zu verwechseln sind. Und von deren Seite kommt schon starker Druck. Und auch der einfache Fußball-Gucker merkt, dass da so eine Operetten-Liga im Entstehen ist und dass das nicht mehr glaubwürdig ist, dass auch diese Gehälter nicht mehr glaubwürdig sind und dass Figuren wie Karl-Heinz Rummenigge usw. immer schwerer zu vermitteln werden, die selbstverständlich davon ausgehen, dass die Bayern-Spieler, weil sie ja systemrelevant sind, zuerst geimpft werden müssen. Im letzten halben Jahr ist einiges schief gegangen und ich glaube, das wird man nicht so einfach aus den Kleidern schütteln können.

Sie sagen also: Wenn der Profifußball nicht aufpasst, geht er an der eigenen Selbstüberschätzung zugrunde. Könnte das am Ende sogar eine Chance für die kleineren Sportvereine sein?

Für die mittlere Zukunft, sagen wir in den nächsten drei, vier, fünf Jahren, sehe ich eine andere Tendenz, also die Gefahr, dass der 1. FC Köln und andere Vereine, wenn Corona sich wirklich wider Erwarten doch noch ein bisschen länger strecken sollte, dass sie wirklich in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Schalke 04 und noch andere, in der zweiten Liga sind es eher noch mehr Vereine. Ich sehe erst mal das Szenario, dass es bei den Kleinen immer enger und schwieriger wird. Und für die Großen fallen ja im Moment Tabus in der Diskussion um die ‚Europaliga‘. Dass die großen Vereine sich möglicherweise doch irgendwie irgendwann in Form einer Europaliga organisieren könnten. Ansonsten ist die Frage ja immer ‚Wann wird eigentlich mal ein anderer Verein als Bayern München deutscher Meister?‘ Das ist ja eigentlich absehbar. Es könnte sein, weil es ja auch Vorbilder gibt, zum Beispiel im US-Sport, wo es ein bisschen anders funktioniert, wo es Super-Ligen gibt. Und es gibt ja auch im Basketball eine Europaliga und die funktioniert auch. Philipp Lahm, unser ehemaliger Nationalmannschafts-Kapitän, hat jetzt gesagt, dass er das ja schon sehr international und sehr cool fände, wenn wir so etwas wie eine Europaliga bekommen würden. Also da sehe ich schon auch einen Weg, da ist jetzt ein Tabu gebrochen worden. Lahm hat immer so ein feines Näschen für solche Geschichten. Und dass wir tatsächlich möglicherweise den Fall haben, dass über so etwas wie eine Europaliga konkreter nachgedacht wird. Da wird dann richtig Asche gemacht und davon bekommen die Kleinen dann aber nichts mehr mit. Ich bin gespannt, was in den nächsten drei, vier Jahren passiert.

Bei dieser Super-League wäre Belgien außen vor. Belgien und die Niederlande würden gerne eine Bene-League gründen. Wäre das denn eine Lösung, dass sich die Kleinen in einer anderen Form zusammentun?

Das könnte passieren, das würde ich überhaupt nicht ausschließen. Wo die Fußball-Fans, die richtigen authentischen Fans, glaube ich arge Bauchschmerzen haben, ist, dass sie diesen Lokalkolorit nicht mehr haben, also dass sie das Derby nicht mehr haben und dass sie ihre nationale Liga nicht mehr haben. Beim Basketball ist es im Moment so, dass es eine Europaliga gibt und dass es trotzdem die nationale Liga noch gibt. Das ist im Fußball nicht darstellbar. Die Mannschaften machen dann im Jahr über 60 Spiele. Das können sie im Fußball nicht machen, das geht einfach nicht. Da wird es deswegen wahrscheinlich eine Entscheidung geben müssen. Und ich höre jetzt schon erste Stimmen, die so nie geäußert worden sind in Deutschland, in den letzten Tagen gerade, dass man sagt, dann lasst doch Bayern und Dortmund in dieser Europaliga, das gucken wir uns im Fernsehen an und finden wir geil. Die können dann aus der Liga gerne rausgehen. Wir können sie ja sowieso nicht halten und die können dann noch mehr Geld verdienen, ihre Mannschaften anders entwickeln. Und dass wir dann tatsächlich eine Bundesliga haben, die wieder einen anderen deutschen Meister hat. Viele behaupten, auch intern aus der Liga, dass es auch ein Spaßfaktor sein könnte, wenn MSV Duisburg wieder in der Fußball-Bundesliga spielt und Eintracht Frankfurt und Werder Bremen realistische Chancen haben, deutscher Meister zu werden.

cr/sp/km