Treffen Sie eine Wahl! Seien Sie so souverän! Ein Kommentar

Am 25. Mai dürfen Sie entscheiden! Man kann es aber auch so sehen: Am 25. Mai müssen Sie sich entscheiden. In Belgien herrscht bekanntlich Wahlpflicht. Doch das schließt nicht die Möglichkeit aus, sich in der Wahlkabine seiner Stimme zu enthalten. Der Gesetzgeber lässt es zu, dass man eine Blanko-Stimme abgeben kann. Und von diesem Recht machen seit Jahrzehnten viele Ostbelgier Gebrauch. Nirgendwo im Land gibt es pro Kopf so viele Weißwähler wie in der Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Manuel Zimmermann

Manuel Zimmermann

BRF-Redakteur Manuel Zimmermann

BRF-Redakteur Manuel Zimmermann

Am 25. Mai hat der Souverän das Wort. Sie entscheiden! Doch viele Wähler fühlen sich vor der Stimmabgabe alles andere als souverän, sondern ratlos. Das zeigt sich in vielen Umfragen aller Medien – inklusive des BRF.

Eine Aussage wird dabei erschreckend oft gemacht: „Ich interessiere mich nicht für Politik“, gefolgt von der Begründung: „Die Politiker machen doch eh, was sie wollen.“ Das ist eine widersinnige und abwegige Ausrede, die offenbar salonfähig geworden ist. Es sollte deshalb ein Gebot des Anstands sein, diesen unhaltbaren Vorwand als unverschämte Dummheit zu ächten.

Ersetzen Sie mal das Wort ‚Politiker‘ durch das Wort ‚Kinder‘. „Meine Kinder interessieren mich nicht. Die machen doch eh was sie wollen!“ Ja genau! Sie wissen was passiert, wenn man ihnen nicht auf die Finger schaut. Sie werden ihnen irgendwann auf der Nase herumtanzen. Also schauen Sie hin! Sie müssen Politiker auch nicht gleich wie ihre eigenen Kinder lieben. Aber sie sollten einem lieber sein als jeder Diktator oder jede gesellschaftliche Form der Gleichgültigkeit.

„Die machen eh, was Sie wollen“, ist eine inhaltslose Schutzbehauptung, die dem Zweck dient, die eigene Verlegenheit zu beschönigen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes ‚faule Ausrede‘, mit der man es sich einfach macht. Viel zu einfach. Ehrlicher und zutreffender wäre vielleicht: „Ich verstehe das alles nicht, weil mir die Auseinandersetzung mit dem Thema zu anstrengend ist.“ Ja, es erfordert eine Anstrengung nachzudenken. Und ja: Tatsächlich ist unsere globalisierte Welt im Laufe der Jahrzehnte immer komplexer und komplizierter geworden.

Aber ‚die da oben‘ können manchmal nur davon träumen, zu tun was sie wollen, da sie ihre Macht teilen müssen, von der Europäischen Union bis hin zum Gemeinderat. Im Tagesgeschäft müssen Politiker sich auf der einen Seite um kleinteilige und verwickelte Probleme kümmern, die vielleicht nur Experten richtig überblicken. Auf der anderen Seite sollen sie ihr Tun vom Wähler überprüfen oder bestimmen lassen. Das überfordert Politiker und Wähler gleichsam. Und dazu zählen auch Journalisten. „Nobody is perfect.“

Mag sein, dass so mancher Politiker vergessen hat, dass das Wort Minister aus dem Lateinischen kommt und für ‚Dienen‘ statt ‚Selbstbedienen‘ steht. Aber Skandale sind kein Grund, nicht zu wählen – sondern genau das Gegenteil. Demokratie zeichnet sich durch eine freie Berichterstattung aus. Und die deckt auch Skandale auf, die in einer Diktatur erst gar nicht ans Licht kämen. Es zählt zu den Vorzügen der Demokratie, dass Probleme erkannt werden, damit sie sich möglichst nicht wiederholen.

Keine Sorge: Sie sind nicht alleine! Selbst politisch Interessierte haben die Befürchtung, dass sich ihre Wahl im Nachhinein als Niete herausstellt. Setzen sie dennoch ihre Stimme ein – auch wenn Sie ihre Wahl später bereuen! Halten Sie auf ihren oder ihre Kandidaten ein Auge. Sprechen Sie in der Familie oder mit Freunden über Politik. Dümmer wird man davon nicht.

Ja, Sie lesen richtig. Sie müssen sich schon ein bisschen anstrengen. Denn eine Wahl ist kein punktuelles Ereignis, das mit der Öffnung des Wahllokals beginnt und mit der Schließung gleich wieder endet. Wahlen stehen im ständigen Verhältnis zu vorherigen Wahlen und ihrem  Lebensumfeld. Und wie wollen Sie ihre Wahl korrigieren, wenn Sie nicht wählen? Also: Treffen Sie eine Wahl! Seien sie so souverän!

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9 Kommentare
  1. Thierry Groteclaes

    irrelevant wer am ende die mehrheit ist, eine weiss-stimme wird dieser hinzugefügt.

    think about that fact 😮

  2. Yves Tychon

    @Thierry Groteclaes: Selbst wenn Sie mit Ihrer Behauptung Recht hätten (was ich nicht glaube), wäre es unerheblich, da der Betreffende ja bereits die Mehrheit hat.

    Ansonsten: Bravo für den fundierten Kommentar, Herr Zimmermann! Wer behauptet, sich nicht für Politik zu interessieren, soll auch so konsequent sein und sich nicht für Kindergartenplätze, Gesundheitswesen, Straßenzustand, öffentliche Sicherheit, Gehalts- und Rentenhöhe interessieren, das wäre dann wenigstens folgerichtig.

  3. Pascale Baudimont

    Wissen Sie nicht, was Sie wählen soll ? Die computergesteuerte Wahlhilfe „parteivergleich“ zur Europawahl und zur Wahl des PDG (findet man im Internet) ist kostenlos, unabhängig und neutral.

    Eine absolut werteneutrale Berichterstattung sei nicht möglich.
    Die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens diskriminiert ganz eindeutig einige kleinere Parteien.
    Tipp: Wer keiner der Blockparteien seine Stimme geben will, kann eine kleine Parteien wahlen, eine demonstrative symbolische Aktion gegen Rücksichtslosigkeit und Diskriminierung

  4. Christoph Niessen

    Eine weiße Stimme wird keinesfalls der Mehrheit angerechnet, sondern bei der Verteilung der Sitze nicht berücksichtigt.

    Ein Nebeneffekt der Weißwahl (und der ungültigen Wahl überdies auch) ist jedoch, dass die „effektiv“* abgegebenen Stimmen mehr Gewicht haben, da sich der Total aller abgegebenen Stimmen verringert. Dies trifft jedoch genauso gut auf die Mehrheit wie auf die Opposition zu.
    (Nachzulesen auf der Seite von La Libre Belgique : „À qui profite vraiment le vote blanc?“)
    *Mit „effektiv“ meine ich die Wahl für eine(n) Partei/Kandidaten.

    Das schmälert natürlich in keinster Weise den hervorragenden Kommentar des Herrn Zimmermann!

  5. Alessandra Wintgens

    Ich fasse es einfach nicht, dass Leute morgen in der Kabine stehen, mit diesem Computer-Stift in der Hand, und nicht wissen, wofür sie grade ihre Stimme abgeben (siehe auch Bericht von Simone Doepgen). Da wird mir Angst und Bange… Habt eine Meinung, Leute, sei es zu Unterricht, Sozialem, Kultur, Bevormundung, Steuergeldern, Energie oder sonst was! Informiert Euch und seid stolz, eine Stimme zu haben! Und wenn Euch die Leute in den Podiumsdiskussionen nicht passen, dann macht Euer eigenes Ding! Wie kann man nur so apathisch und desinteressiert sein??? Danke für diesen Kommentar, Manuel!

  6. Guido Breuer

    Tatsächlich ein hervorragender Kommentar.

  7. LEMMENS Jacques

    Für manche Menschen, insbesondere älter Mitbürger, ist es nicht so einfach das politische Geschehen in diesem Lande zu verfolgen. Es besteht somit die Tendenz, entweder gar nicht zu wählen oder einer Partei die man vom meisten Hörensagen kennt zu wählen. Den Tip von Pascale Baudimont finde ich daher sehr gut. Zumal hierdurch eine breitgefächerte politische Landschaft für mehr Demokratie bei den politichen Entscheidungen sorgt.

  8. Thomas Jouck

    Christophe, eine Weißwahl wird zwar keinem angerechnet, stärkt aber natürlich die Mehrheit!
    Der Opposition bringt die Weißwahl also überhaupt nichts.
    Ob man nicht wählt, weiß wählt oder die Mehrheit wählt hat den gleichen Effekt.

    Stell dir 10 Wähler vor.
    5 Wähler wählen A (Mehrheit) und 4 Wähler wählen B (Opposition).
    Ob der zehnte Wähler weiß wählt, nicht wählt oder A, also die Mehrheit wählt, ist ganz egal, er unterstützt damit die Mehrheit.
    Die Mehrheit hat so nämlich entweder 5 von 9 Stimmen oder 6 von 10 Stimmen und somit die Mehrheit.

    Die Weißwahl hilft also ganz klar der Mehrheit!

    Den Kommentar von Manuel Zimmermann sollten sich die vielen Weißwähler und Nichtwähler zu Herzen nehmen. Dann gebt lieber einer kleinen Partei die Chance sich zu beweisen, als eure Stimme wegzuwerfen!

  9. Mario Meis

    Kann mir jemand erklären,was eine Weißwahl ist?
    Danke im voraus!
    Außerdem finde ich, man sollte es jedem selbst überlassen, ob jemand wählen geht.
    Man wird in letzter Zeit massiv bedrängt, dass man wählen gehen soll.
    Das schreckt viele noch mehr ab, dazu die Medien, die die antieuropäischen Parteien negativ darstellen.
    Da fühlt man sich richtig diskrimiert und da lassen es viele sein
    Es ist nun mal so, dass viele Europäer nicht so viel von der EU halten.
    Da ist der o.a. kommentar eher kontraprodutiv.
    Man sollte den Leuten eher entgegenkommen als sie abzukaspeln.
    Ich werde aber trotzden gleich wählen gehen.

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