Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, was die zwölf Menschen, deren Porträts in der Ausstellung gezeigt werden, bewegt. Nur wer den Begleittext der Bilder liest, merkt: Jeder von ihnen lebt mit einer unsichtbaren Beeinträchtigung.
Da ist zum Beispiel André, der nach einem Arbeitsunfall mit starken Schmerzen zu kämpfen hat. Gregory, der nach einem Burn-out Depressionen entwickelt hat. Oder Sonia, die mit Multipler Sklerose und chronischer Migräne lebt.
Schmerzen, psychische Belastungen und der Druck von außen gehören für sie zum Alltag. Vielen Menschen geht es ähnlich, denn rund 80 Prozent aller Beeinträchtigungen sind unsichtbar und damit für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar. Die Betroffenen werden oft stigmatisiert.
Mit der Ausstellung "Urteilt nicht, ihr seht es nicht" soll das Schweigen rund um unsichtbare Krankheiten und Beeinträchtigungen gebrochen und die Gesellschaft sensibilisiert werden.
"Viel scheitert an Unwissen, nicht an Bösartigkeit, sondern einfach nur an simplem Nichtwissen, dass Dinge so sind, wie sie eben sind und dass Menschen einfach sehr darunter leiden, wenn sie nicht beachtet werden, wenn sie nicht gewertschätzt werden oder sich einfach nicht so fühlen, als wären sie es", erklärt die Regionalverantwortliche von Alteo, Melanie Magney.
"Es ist ein Annähern von beiden Seiten, was nötig ist, denke ich mal. Wir versuchen möglichst einfach und verständlich an die Öffentlichkeit heranzutreten, um diese Information fließen zu lassen, damit das Wissen seine Kreise zieht."
Schon beim Aufbau der Ausstellung seien Menschen auf sie zugekommen und hätten von ihren Erfahrungen erzählt, berichtet Magney. Viele seien froh gewesen, dass ihre eigene Situation und ihr Leidensdruck durch die zwölf Personen in der Ausstellung sichtbar werden.
Grundlage der Ausstellung ist eine Untersuchung, die Alteo gemeinsam mit dem Zentrum für Patientenaufklärung durchgeführt hat. "Die Umfrage war landesweit angelegt und hatte eine große Reichweite, wir erhielten über 3.000 Antworten", erklärt Geneviève Routier, die Generalsekretärin von Alteo.
"Im Fokus standen drei Hauptbereiche. Es ging um die gelebte Erfahrung, den Alltag von Menschen mit einer unsichtbaren Beeinträchtigung, ihre Beziehungen zu ihrem Umfeld und die damit verbundenen Auswirkungen, aber auch ihre Beziehungen zu medizinischem Fachpersonal und die gesellschaftliche Wahrnehmung all dessen, was unsichtbar, aber real ist."
Und, so fügt Routier hinzu: "Die Untersuchung legte insbesondere die Lebensrealität dieser Menschen und die Schwierigkeiten offen, mit denen sie aufgrund ihrer unsichtbaren Krankheit oder Behinderung konfrontiert sind, wenn sie ihren Platz in der Gesellschaft finden wollen - sei es im Beruf oder im Alltag mit Familie und Angehörigen."
88 Prozent der Befragten gaben in der Umfrage an, dass die Gesellschaft zu wenig über unsichtbare Beeinträchtigungen und Krankheiten weiß. Gleichzeitig glauben 83 Prozent, dass es ihnen besser gehen würde, wenn sie offener über das Thema sprechen könnten.
Bei der Ausstellungseröffnung im Foyer des Krankenhauses wurde am Dienstagabend genau das getan. Zwei betroffene Ostbelgier kamen zu Wort: Heribert Kever berichtete von seinem Leben mit der Autoimmunerkrankung Polymyositis, die sich durch eine fortschreitende Muskelschwäche auszeichnet. Edith Threinen schilderte, wie die Diagnose Parkinson ihr Leben verändert hat.
"Erstmal hat sich geändert, dass ich meine Arbeit aufgeben musste. Ich habe als Referentin gearbeitet und ich konnte einfach keine Seminare mehr halten. Ich konnte den PC nicht mehr gut benutzen. Ich konnte keine Flipcharts mehr beschriften oder sonstige Sachen und hatte auch Probleme mit der Stimme. Das ging also einfach nicht mehr. Ich war früher auch immer sehr stressresistent, jetzt nicht mehr. Die Krankheit führt dazu, dass ich leichter in Stress gerate und wenn das passiert, dann geht gar nichts mehr. Also musste ich da auch deutlich zurückschrauben", so Threinen.
Bei den beiden Ostbelgiern haben sich die schlechten Erfahrungen aufgrund ihrer Beeinträchtigungen in Grenzen gehalten. Ein starkes Umfeld hat dazu beigetragen, dass sie heute sehr positiv auf das Leben blicken. Schwierige Momente gibt es dennoch.
"Die Krankheit zeigt sich manchmal, aber nicht immer", sagt Edith Threinen. "Im fortgeschrittenen Stadium natürlich deutlicher, aber wenn es gerade gut geht, sieht man nicht viel. Für die Leute ist es dann einfach manchmal schwer einzuordnen, warum ich Sachen an einem Tag machen kann und am nächsten nicht. Der Umgang mit diesen Dingen spielt schon eine Rolle."
Alle Beteiligten hoffen, dass die Ausstellung die Gesellschaft dazu bringt, Menschen mit einer unsichtbaren Beeinträchtigung nicht mehr vorschnell zu verurteilen und generell sensibler zu werden. "Also, dass man dann in Zukunft vielleicht auch wirklich genauer hinschaut und dass die Leute, die betroffen sind, es einfacher haben, damit umzugehen", so Edith Threinen.
"Ich denke mir: Wenn ich weiß, dass mein Gegenüber davon weiß oder dass er mich nicht verurteilt, für die Einschränkungen, die ich gerade erlebe, dann kann ich damit auch besser leben und traue mich dann auch wieder mehr. Dann ist das Selbstwertgefühl nicht so stark angegriffen."
Die Ausstellung bleibt bis zum 28. Oktober im Foyer des St.-Nikolaus-Hospitals in Eupen. Alteo arbeitet außerdem daran, dass sie in Zukunft auch in der Eifel gezeigt wird.
Lindsay Ahn

