Wer ab Ende 2027 den Krönungssaal im Aachener Rathaus besucht, wird von einem ganz besonderen Guide empfangen. Die Rede ist von Rotrud, der ältesten Tochter von Karl dem Großen. Sie führt die Besucher durch den Saal und gleichzeitig auch durch mehrere Jahrhunderte Aachener Geschichte.
Möglich macht das eine spezielle Augmented-Reality-Brille der Firma Xreal, mit der die Besucher Geschichte hautnah erleben sollen. Bei Augmented Reality, also erweiterter Realität, wird die Umgebung nicht wie bei einer VR-Brille komplett abgeschirmt, sondern mit den projizierten Figuren verflochten. Es wirkt also so, als wären Rotrud und die anderen historischen Persönlichkeiten real und vor Ort.
Als Inspiration für das Projekt in Aachen gilt der Genter Altar. Schon vor einigen Jahren wurde auch dort ein Augmented-Reality-Erlebnis geschaffen. Die Verantwortlichen sind sich aber sicher: Was im Aachener Krönungssaal entsteht, übertrifft alles bisher gesehene.
"Wir haben uns jetzt technisch natürlich auf den neuesten Stand gebracht, wir machen es ehrlich gesagt moderner, schneller, technisch besser und wollen damit auch echt einen Leuchtturm setzen", betont der Aachener Oberbürgermeister Michael Ziemons. "Was wir jetzt hier in Aachen bekommen, gibt es in ganz Deutschland, ja eigentlich in ganz Westeuropa nicht."
Insgesamt sollen die Besucher in sieben verschiedene Szenen eintauchen können, darunter die Entstehung der Kaiserpfalz, das Krönungsmahl von Karl V. oder den verheerenden Bombenangriff von 1943. Dabei sollen die Szenen so historisch akkurat wie möglich sein - keine einfache Aufgabe. "Zu einer Krönungsfeier im Jahr 1520 gibt es leider keine Fotodokumentation, wir müssen also verschiedene geschichtliche Quellen erschließen und überlegen, wie das ausgesehen haben könnte", erklärt Ralf Wagemann vom Rathausverein Aachen.
"Das sind so viele Details: Wie sahen die Teller aus? Gab es Porzellan oder gab es Silberbecher? Wie ist der Pelzkragen eines Fürsten, der dort am Tisch sitzt? Das sind ganz viele Details, die geklärt werden müssen, aber wir wollen es geschichtlich korrekt machen und mit den Arbeiten fangen wir jetzt unmittelbar an."

Unterstützt wird der Rathausverein dabei von verschiedenen Historikern. Um die technische Umsetzung des Projekts kümmert sich die Berliner Firma Zaubar. In ganz Deutschland hat die Firma schon 80 ähnliche Projekte umgesetzt. Erste visuelle Modelle von Rotrud stehen schon, die richtige Arbeit geht jetzt aber erst los. "Das Besondere ist, dass wir zeigen wollen, wie die Menschen damals aussahen, wie sie gesprochen und sich bewegt haben", sagt Stefan Marx, Geschäftsführer von Zaubar.
"All das wird jetzt prä-visualisiert, mit Bildern und Videos, und dann wird das in virtuelle animierte Skulpturen verwandelt. Wenn wir den Fundus an Inhalten haben, dann kommen wir hierher und platzieren die Figuren im Krönungssaal, so wie digitale Bildhauer. Wir überlegen uns dann, wo was sein soll, und was wo passiert. Das ist, als würden wir einen Film schneiden, aber in 3D." Zudem soll es auch interaktive Elemente geben - so soll der Besucher einem Fürsten im Krönungssaal zum Beispiel ein Glas Wein einschenken können.

Am Ende des Tages soll das Ganze aber ein Erlebnis bleiben, das den Besucher durch den Saal trägt. "Wir werden einen realistischen, hochqualitativen Effekt erreichen, den man sonst noch nicht gesehen hat, denke ich", so Marx. "Wir denken, dass das ein neues Zeitalter für Museumserlebnisse, aber auch für Bildung sein kann."
Neben einer Version für Erwachsene soll es auch eine für Kinder geben - das Erlebnis soll außerdem auf Deutsch, Englisch, Niederländisch und Französisch zugänglich sein und möglichst barrierefrei gestaltet werden.
Vorgesehen sind zunächst 100 bis 120 Brillen im Krönungssaal, später könnten es auch 200 werden. Das ganze Projekt kostet rund 2,3 Millionen Euro, davon werden durch die Heimatförderrichtlinie über 320.000 Euro beigesteuert.
"Für uns als Land ist es ungeheuer wichtig, dieses Projekt zu unterstützen, weil wir nochmal Schatztruhen ganz anders erschließen können", freut sich die zuständige NRW-Ministerin Ina Scharrenbach. "Deswegen sind wir immer ganz froh, wenn wir auch mit Leuten zu tun haben, die sagen, dass sie Dinge und Technik ausprobieren wollen und das trifft sich hier: Heimat trifft Technik - das ist die Krönung."
Lindsay Ahn