"Flüsse kennen keine Grenzen. Die Flüsse gehen über die Grenzen rüber und ein Hochwasser, das in einem Land entsteht, wird auch zum Hochwasser in dem anderen Land." Was Professor Holger Schüttrumpf, vom Lehrstuhl und Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen hier erklärt, versteht sich von selbst. Und es wurde in unserer Grenzregion gerade auch bei der Flut im Juli 2021 überdeutlich.
"Wir müssen voneinander lernen"
Umso wichtiger ist es laut Schüttrumpf voneinander zu lernen, wie bei einer internationalen Fachtagung zum Wiederaufbau, organisiert vom Netzwerk JCAR ATRACE in Verviers und Bad Neuenahr: "Die Herangehensweisen, ob jetzt in Belgien, den Niederlanden oder in Deutschland, sind ja durchaus sehr unterschiedlich. Und ich finde, das macht durchaus Sinn, sich da auszutauschen zu und gucken: Wer macht das eigentlich wie?"
Das fange schon damit an, was man jeweils unter "Wiederaufbau" versteht, sagt Holger Schüttrumpf: "Wiederaufbau ist nicht gleich Wiederaufbau, weil Hochwasser ist auch nicht gleich Hochwasser. Die Hochwasserschäden waren ja durchaus sehr unterschiedlich. Wenn ich in bestimmten belgischen Bereichen unterwegs war, zum Beispiel hier an der Weser oder Vesdre oder aber im Ahrtal, das sah ganz anders aus, wenn ich dann irgendwo im Flachland wieder war. Und deswegen sind natürlich auch Wiederaufbaumaßnahmen sehr unterschiedlich."
Das gelte innerhalb ein und derselben Umgebung auch für das Tempo, wie diese Maßnahmen umgesetzt werden: "Der private Aufbau geht manchmal sehr schnell", sagt Schüttrumpf. "Das hängt aber auch vielfach davon ab, ob die Eigentümer versichert sind. Wie schnell stehen Handwerker zur Verfügung? Dann haben wir den öffentlichen Wiederaufbau. Und wenn man so durch die Gebiete fährt, stellt man fest, bei manchen Gebieten, da leuchtet alles schon wieder, da ist alles wieder aufgebaut. Und in anderen Gebieten findet man manchmal noch den Schlamm des Jahres 2021 in den Gebäuden."
Warnung vor "Hochwasserdemenz"
Während der Aufbau oder Wiederaufbau an einigen Stellen also noch Jahre in Anspruch nehmen dürfte, warnt Professor Schüttrumpf vor einem anderen zeitlichen und allzu menschlichem Phänomen, das er als "Hochwasserdemenz" bezeichnet. Irgendwann drängten sich eben andere (auch wichtige) Themen in den Vordergrund. "Und dann gerät langsam das Thema Hochwasser in Vergessenheit. Prioritäten werden anders gesetzt, weil man es gar nicht mehr so ernst nimmt."
Und es könne durchaus passieren, dass in einigen Jahrzehnten ein ähnliches Ereignis auftritt. "Und dann fragen sich unsere Nachkommen: Wieso hat man nach 2021 nicht die richtigen Konsequenzen aus dem Ereignis gezogen?"
Das erfordere in vielen Fällen Weitsicht und politischen Mut, "weil Wiederaufbau ist einfach, selbst wenn wir es verbessert aufbauen, der Aufbau von Brücken, von Straßen, von Infrastruktur und natürlich vielen, vielen Gebäuden. Aber der Hochwasserschutz ist etwas, was gar nicht mit dem Wiederaufbau zu tun hat."
Hochwasserschutz sei aber nötig, um die betroffenen Gebiete dauerhaft zu schützen, so Schüttrumpf, "egal ob es jetzt der natürliche oder technische Hochwasserschutz ist, ob es Rückhalt von Wasser in der Landschaft oder technische Hochwasserrückhaltebecken sind, den Flüssen Raum geben. Das sind die Punkte, die wir auch angehen müssen. Und da sind wir momentan frühestens in den Anfängen."
Stephan Pesch