Ausschlaggebender Punkt für den Start von "ContraPur" war ein Aufruf des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Verhütung neu zu denken. Im Rahmen des Projekts findet an der RWTH Aachen Grundlagenforschung statt.
Das Ziel der Wissenschaftler: Verstehen, was genau passiert, wenn im Hoden Spermien produziert werden. "Sie müssen sich den Hoden vorstellen wie einen sich in einer Kapsel befindenden Spaghettihaufen", erklärt Professor Marc Spehr, Inhaber des Lehrstuhls für Chemosensorik an der RWTH Aachen. "Da gibt es Unmengen von kleinen Kanälchen, in denen Zellen lebenslang aus Stammzellen Spermien bilden. Diese Spermien werden dann in den flüssigkeitsgefüllten Innenraum dieser Kanälchen entlassen und sind dann quasi fertig, aber noch nicht bewegungsfähig."
Pro Tag müssen mehrere Millionen dieser Spermien den Hoden verlassen, ohne dass sie selbst schon schwimmfähig sind. Genau hier kommt eine Entdeckung ins Spiel, die vor einigen Jahren an der RWTH gemacht wurde. "Wir haben herausgefunden, dass diese Samenkanälchen von einem ganz dünnen Muskelschlauch ummantelt werden und diese Muskelzellen sind in der Lage, so zu kontrahieren, dass es ein Pressen oder Quetschen der Samenzellen in diesem Flüssigkeitsraum in Richtung Nebenhoden gibt und das rund um die Uhr", so Spehr.
Wenn die Forscher nun nachvollziehen können, wie genau dieser Prozess abläuft und warum es ihn gibt, können sie an Wegen arbeiten, ihn zeitweise zu unterbinden. Um eine konkrete "Produktentwicklung" der "Pille für den Mann" gehe es bei "ContraPur" aber nicht, so Spehr. So könnten die Ergebnisse zum Beispiel auch dazu beitragen, Unfruchtbarkeit bei Männern zu bekämpfen.
Etwa 70 Prozent der als unfruchtbar diagnostizierten Männer, die einen Kinderwunsch haben, gelten als "idiopathisch unfruchtbar". Es werde also keine Ursache für die Unfruchtbarkeit gefunden. "Wir haben einen sehr hohen Anteil von Nichtwissen. Wir können die Diagnose der Unfruchtbarkeit stellen, sind aber in der überwiegenden Mehrheit der Fälle nicht in der Lage zu sagen, woran das liegt."
"Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieser Prozess der Voranbewegung der Spermien im Hoden bei einigen Männern ursächlich sein könnte. Insofern wäre, wenn wir in den Prozess eingreifen können, sowohl ein Eingreifen in positiver als auch negativer Richtung denkbar", erklärt der Professor.

Die Wissenschaftler an der RWTH untersuchen den Prozess der Spermienproduktion anhand von Präparaten, die von Mäusen stammen. "Wir arbeiten mit mikroskopischen Verfahren, mit hochauflösender Fluoreszensmikroskopie und schauen uns wirklich diese Kontraktionen an. Wir sind in der Lage, die Zellen sichtbar zu machen und versuchen mit Mikroelektroden diese elektrischen Signale, die die Kontraktionen initiieren, zu vermessen und können versuchen mit verschiedenen Pharmaka und Substanzklassen dort einzugreifen."
Neben den zentralen Ergebnissen zu den Themen Verhütung und Unfruchtbarkeit könnte die Studie auch zur Entwicklung neuer Arzneistoffe führen, die vielleicht auch in anderen medizinischen Bereichen zum Einsatz kommen könnten.
Vorher müssen aber noch viele Fragen beantwortet werden. Wer der "Pille für den Mann" entgegenfiebert, muss sich sehr wahrscheinlich noch ein wenig gedulden. "Es kann sein, dass wir morgen ein Experiment machen, bei dem wir einen Meilenstein in unserer Forschung entdecken und dann wiederum in die Anwendungsplanung übergehen und dann kann das schnell gehen - wobei Medikamentenentwicklung nicht wirklich schnell ist", so Spehr.
"Es kann aber auch sein, dass wir am Ende dieser Forschungsperiode deutlich mehr wissen, aber noch länger brauchen, um überhaupt zu dem Punkt zu kommen, an dem wir sagen, dass wir jetzt genug verstanden haben, um ein Medikament zu entwickeln. Was ich nur sagen kann, ist, dass es keinen medizinischen Fortschritt gibt, der nicht auf der Grundlagenforschung basiert."
Die Forschung an einem Verhütungsmittel für den Mann wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt unterstützt. Investiert werden drei Millionen Euro über einen Zeitraum von drei Jahren. Neben der RWTH Aachen sind die Ludwig-Maximilians-Universität München, die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, die Justus-Liebig-Universität Gießen und die Universität Münster beteiligt.
Lindsay Ahn