Es sind Verletzungen, die täglich auftreten können, wie eine Schnittverletzung, ausgelöst durch eine Glasscherbe, oder ein Armverletzung nach einem Sturz. Was macht man in einem solchen Fall? Wie hilft man da? Die Kinder, die an der Städtischen Grundschule Oberstadt in Eupen Erste Hilfe üben, sind zehn bis zwölf Jahre alt. Wichtige Handlungsschritte und Handgriffe für Notfälle werden hier spielerisch vermittelt.
"Für uns ist Erste Hilfe eine grundlegende Fähigkeit", sagt Stefan Ivic, Arzt am St.-Nikolaus-Hospital Eupen und Projektleiter bei "Retten macht Schule". "Es sollte genauso selbstverständlich sein wie schreiben oder rechnen. Und deshalb ist es für uns wichtig, so früh wie möglich anzufangen, Kinder und Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren", findet er.
Die Kinder sind bei dem Kurs mit Eifer bei der Sache. Künftig wissen sie, was im Notfall zu tun ist. "Ich habe an der Puppe stabile Seitenlage und Reanimierung gemacht", erzählt die elfjährige Mayla. "Man muss schnell sein, denn da geht es um Leben und Tod", fügt sie hinzu. Und ihre Mitschülerin - auch sie heißt Mayla - sagt: "Der Kurs bringt mir sehr viel. Wenn ich da jetzt mal einen Bewusstlosen oder jemanden mit einer Verletzung auf der Straße liegen sehe, weiß ich direkt, was zu tun ist. Ich finde das Projekt sehr gut."
Erste-Hilfe-Kurse für Kinder sind nur ein Bestandteil des Angebotes der VoG "Retten macht Schule". Denn das Thema geht alle an, betont Stefan Ivic. Die Grundkenntnisse, um in Notlagen gut und schnell handeln zu können, kennen keine Altersbeschränkung.
"Der erste Schritt ist, selber erst mal durchzuatmen", rät der Fachmann. "Oft ist eine Notfallsituation kein alltägliches Ereignis. Wir dürfen nicht vergessen: Wir sprechen hier nicht von Ärzten und Rettungssanitätern, wir sprechen hier von Laienhelfern, von Ersthelfern, die eigentlich mit Medizin oder Notfällen gar nichts zu tun haben. Dann der Selbstschutz, die Übersicht über den Notfall, den Notruf abzusetzen. Und dann entsprechend zu handeln", so Ivic.
"Eine eklatant schlechte Statistik"
Oft bestehen Ängste, wenn es um Erste Hilfe geht: Mache ich da vielleicht etwas falsch? Oder kann ich der Person, die Hilfe braucht, sogar schaden? Auch hier ist frühes Anfangen ein Pluspunkt, sagt der Arzt. Denn wenn die Kinder früh Erste Hilfe lernen, sinke die Hemmschwelle, erläutert Ivic. "Es ist wie immer: Oft ist oft, selten ist selten. Man kann immer nur empfehlen, immer wieder zu wiederholen", ergänzt er.
Alle zwei Jahre sollte der Kurs aufgefrischt werden, rät Ivic. In Belgien bestehe in Sachen Erste Hilfe insgesamt eine Menge Nachholbedarf, sagt er und blickt da in Richtung Nordeuropa. Denn in den skandinavischen Ländern sind regelmäßige Erste-Hilfe-Kurse an Schulen Pflicht. "In einer Notfallsituation können in Skandinavien acht von zehn Leuten Erste Hilfe anbieten und durchführen", betont Ivic. "Und in den Benelux-Staaten sind es nur vier bis fünf von zehn. Das ist leider eine eklatant schlechte Statistik."
Stefan Ivic und seine Mitstreiter versuchen das zu ändern. Seit der Gründung des Projektes vor 14 Jahren haben mehr als 10.000 Menschen an den Erste-Hilfe-Kursen der VoG "Retten macht Schule" teilgenommen.
Moritz Korff








