"Die EZB ist bereit, alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten.“ Mit dieser Aussage ist Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank in die europäische Geschichte eingegangen. Er sagte diesen Satz am 26. Juli 2012 während der Euro- und Staatsschuldenkrise auf einer Konferenz in London. Zu dem Zeitpunkt wankte das Bankensystem und die Angst vor einem Zusammenbruch der Europäischen Währungsunion ging um. Mit seiner entschlossenen Aussage beruhigte Draghi die Finanzmärkte - der sogenannte Draghi-Effekt trat ein.
Ein Verdienst, den man dem Italiener bis heute hoch anrechnet, und ein Grund, ihm den Karlspreis zu verleihen. Mit seinem Mut habe er fast im Alleingang den Euro gerettet und Europa vor einer großen Krise bewahrt, sagte der Vorsitzende des Karlspreis-Direktoriums, Armin Laschet, bei der Verkündung des diesjährigen Preisträgers Anfang des Jahres in Aachen.
"Draghi hat damals entschieden und hat den Spekulationsmärkten gesagt: Wir retten diese Währung. Whatever it takes. Wir werden Anleihen im großen Umfang aufkaufen. Aber es wird euch nicht gelingen, uns in die Knie zu zwingen", so Laschet.
Mario Draghi wurde 1947 in Rom geboren. Nach einer Universitätslaufbahn arbeitete der Wirtschaftswissenschaftler zunächst für die Weltbank in Washington, wurde dann Generaldirektor des italienischen Finanzministeriums, bevor er zum Unternehmen Goldman Sachs wechselte. Anschließend wurde er Gouverneur der italienischen Nationalbank. 2011 ernannte ihn die EU-Kommisson zum Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Das Amt führte Draghi bis 2019 aus. Während der Coronazeit - 2021 und 2022 - war er italienischer Ministerpräsident.
Zwei Jahre später veröffentlichte er seinen “Bericht zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit” - den sogenannten Draghi-Report. In dem 400 Seiten langen Dokument drängt er die EU-Kommission zu handeln. Die Europäische Union müsse dringend innovativer werden und mehr investieren, um ihre Wirtschaftsleistung zu stärken und nicht von den USA und China abgehängt zu werden, empfiehlt Draghi. Auch diesen Einsatz für eine entschlossene und starke EU würdigt der Karlspreis. Man wolle Draghis Vorschläge für ein wettbewerbsfähiges Europa stärken und ein Signal in die Zukunft senden, erklärte Aachens Oberbürgermeister Michael Ziemons zur Wahl des Karlspreisträgers.
"Er benennt klar die großen Aufgaben, vor denen Europa steht, um in Zukunft noch wettbewerbsfähig zu sein, in einer sich verändernden Lage. Entbürokratisierung ist ein wichtiges Thema, Stärkung der Wirtschaft, eine bessere Zusammenarbeit im Binnenmarkt, Digitalisierung. Auch Energieunabhängigkeit und neue Energien ausbauen. All das und vieles mehr umfasst der Report", so Ziemons.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters schaffe es der 78-Jährige, auch junge Menschen für Europa zu begeistern, lobt Armin Laschet den designierten Preisträger. Wir haben Bilder von einem Kongress in Rimini gesehen, wo er eine Rede gehalten hat und fast wie ein Popstar gefeiert wurde. Junge Leute schätzen Menschen, die nicht die typische Politikersprache sprechen, die authentisch sind und eine Vision haben. Und dann ist es auch fast egal wie alt die sind.
In Bezug auf öffentliche Auftritte gilt Mario Draghi als zurückhaltend. Interviews gibt er nur selten. Um so gespannter darf man auf seine Rede bei der Karlspreisverleihung sein. Die Feierlichkeiten beginnen am Morgen mit einem Gottesdienst im Dom, zu dem der Katholik auch erwartet wird. Anschließend findet der Festakt im Krönungssaal des Aachener Rathauses statt. Bevor Mario Draghi dann mit geladenen Gästen feiert, wird er sich noch beim Bürgerfest auf dem Katschhof sehen lassen.
Michaela Brück