Knapp 324.000 Fälle häuslicher Gewalt wurden zwischen 2021 und 2025 bei der belgischen Staatsanwaltschaft registriert. Hohe Zahlen, die dennoch nur einen Teil der Realität abbilden. Viele Fälle werden nie angezeigt – aus Angst, aus Scham oder weil am Ende die nötigen Beweise fehlen, selbst wenn Betroffene den Mut finden, zu sprechen.
In den meisten Fällen richtet sich die Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Laut WHO erlebt fast jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt, meist durch einen Partner oder Ex-Partner. In Belgien ist etwa jede vierte Frau von körperlicher und/oder sexueller Gewalt in der Partnerschaft betroffen.
Kein Wunder also, dass Vereine und Organisationen in der Region täglich mit einer Vielzahl von Fällen konfrontiert sind – und zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Das gilt auch für das Frauenfluchthaus der Prisma VoG: Fünf Frauen mit ihren Kindern finden dort an einem geheimen Ort Schutz und Unterstützung. Fünf Zimmer, die 2025 durchgehend belegt waren – und auch aktuell bleibt die Nachfrage ungebrochen hoch.
"Wenn wir eine Frau haben, die auszieht, folgt schon eigentlich die nächste. Die Anfragen sind auf jeden Fall da", erklärt Vivian Pire von der Prisma VoG. "Wir versuchen dann natürlich weiterzuleiten, auch an andere Dienste. Wir arbeiten auch mit Frauenhäusern in ganz Belgien zusammen. Jedoch sind wir das einzige Frauenhaus, was deutschsprachig ist, und das ist natürlich auch nicht immer so einfach, weil dann die Frauen zum Beispiel nicht die Sprache beherrschen. Dann schauen wir, was halt möglich ist."
Die Betreuung von Opfern ist das eine, Prävention und Aufklärung das andere zentrale Standbein im Kampf gegen häusliche Gewalt. Die Frauenliga in der DG setzt genau hier an: mit Sensibilisierungskampagnen, Weiterbildungen und Angeboten für Erwachsene, Jugendliche sowie Schülerinnen und Schüler.

Menschen zum Nachdenken zu bringen, das sorgt dabei schon manchmal zu kleinen Erfolgen, wie Frauenliga-Mitarbeiterin Anastasiya Ilnytska selbst erlebt hat. "Während unserem Gender-Parcours, da gab es einen Workshop, wo man die sozialen Rollen abfragt bei den Jugendlichen und was sie schon erfahren haben im Rahmen von sexualisierten Sprüchen oder Gewalt, oder ob sie Zeugen geworden sind. Und wir waren ziemlich erstaunt, dass es doch Jugendliche gab, die keine Idee hatten, dass manche Sprüche blöd erfahren werden, oder dass es Mitschülerinnen gibt, die schon so etwas erlebt haben."
Auch der Serviceclub Soroptimist engagiert sich seit fast 25 Jahren, um unter anderem auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam zu machen. Neben der Beteiligung an der belgischen Kampagne "Orange the World" organisiert der Club eigene Aktionen – etwa in Schulen oder Workshops.
Darüber hinaus werden Spenden gesammelt, zum Beispiel durch den Verkauf eines eigens gestalteten Seidenschals in limitierter Auflage oder durch Benefizveranstaltungen. Die Erlöse kommen Organisationen wie Prisma oder der Frauenliga zugute. "Es gibt eigentlich immer mehr Anfragen an finanzieller Unterstützungen, als wir eigentlich Geld einbringen. Wir könnten Tag und Nacht Projekte machen, um dann hiesige Einrichtungen zu unterstützen. Der Bedarf ist immer da", so Soroptimist-Mitglied Stephanie Rauss.
Ziel bleibt es, Betroffene und ihre Familien bestmöglich zu begleiten und ihnen einen Weg aus der Gewalt zu eröffnen – einen Weg, den sich niemand freiwillig aussucht. Organisationen wie Prisma oder die Frauenliga bieten dabei ein offenes Ohr, konkrete Hilfe und vor allem: eine Perspektive – selbst dann, wenn die Situation ausweglos erscheint.
Wer mehr zu dem Thema erfahren will oder selbst Opfer häuslicher Gewalt geworden ist, kann sich auf der Internetseite von Prisma oder der Frauenliga informieren. Hilfe bekommt ihr aber auch ganz einfach und vor allem anonym bei der Telefonhilfe Ostbelgien 108. Auf der Internetseite der Telefonhilfe findet ihr eine anonyme Chat- und Mailberatung.
Robin Emonts