Es ist schon das vierte Mal, dass die Kampagne "Ostbelgien gegen Rassismus" in der Deutschsprachigen Gemeinschaft stattfindet. Ins Leben gerufen wurde sie 2023 von den Integrationsbeauftragten aus Kelmis, Eupen und der damaligen Kollegin von St. Vith. Ziel war es, das Thema Rassismus stärker in die Öffentlichkeit zu rücken und ihm entgegenzuwirken. Schnell kamen weitere Projektpartner hinzu. Jedes Jahr steht ein neues Thema im Zentrum der Kampagne. Bei dieser Ausgabe ist es der sogenannte "strukturelle Rassismus" - eine spezielle Form der Diskriminierung, die oft unbewusst geschieht.
"Grundsätzlich äußert sich struktureller Rassismus in der Art und Weise, wie Institutionen funktionieren und wie Abläufe sich gestalten", erklärt Nathalie Peters vom Projektpartner Info-Integration. "Zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen, wo Menschen ihr Foto auf den Lebenslauf kleben und dann festgestellt wird, dass sie nicht typische Hiesige sind, und dass sie dann weniger schnell eingeladen werden zu einem Bewerbungsgespräch, auch wenn der Lebenslauf passend wäre. Oder eben die Tatsache, dass es genug Studien gibt, die belegen, dass Kinder mit Migrationshintergrund in den Schulen strenger bewertet werden."
Weitere Beispiele lassen sich schnell im Gesundheitswesen oder beim sogenannten "Racial Profiling" finden - also Polizeikontrollen, die sich am Aussehen einer Person orientieren. Besonders deutlich wird das Problem auch auf dem Wohnungsmarkt. Das belgische Zentrum für Chancengleichheit und gegen Diskriminierung, Unia, stellt immer häufiger fest, dass Menschen mit "nicht lokal" klingenden Namen geringere Chancen auf eine Wohnungsbesichtigung haben - auch in Ostbelgien. Im Rahmen der Kampagne greift Unia das Thema auf und bietet Workshops für soziale Dienste an.
"Konkret wird der Workshop sich so gestalten, dass wir zunächst auf die Antidiskriminierungsgesetze eingehen. Auch gerade darauf, wie sie im Wohnungsmarkt Anwendung finden", sagt William Vorhagen, DG-Vertreter von Unia. "Wir wollen da zum Beispiel erklären, was ein Vermieter fragen darf oder was eben auch nicht und was man auch machen kann, wenn man vermutet, dass es eine Diskriminierungssituation ist. Die Frage ist dann immer, wie kann man das dokumentieren, und wie kann man Beweise produzieren? Da wollen wir den Sozialarbeiterinnen ganz konkret zur Seite stehen und erklären, wie das geht. Natürlich hoffen wir auch, dass die Dienste sich dann im Anschluss auch mehr an Unia wenden."
Begleitet wird die Kampagne von Plakaten, Flyern und Online-Inhalten. Ziel ist es, für das Thema zu sensibilisieren und die Gesellschaft zum Nachdenken anzuregen, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf Augenhöhe. "Wir können das Problem nicht von einem Tag auf den anderen lösen", erklärt Nadège Kouleikina, die Integrationsbeauftragte der Stadt Eupen und des ÖSHZ Raeren. "Aber es ist wichtig, dass wir nicht die Augen verschließen, sondern erkennen, dass das Problem da ist und dann etwas machen."
Konkrete Handlungsempfehlungen sieht auch Nathalie Peters, zum Beispiel für Personen in der Region, die ein Unternehmen leiten. "Da könnte man sich im Rahmen der Kampagne zum Beispiel Gedanken machen: 'Wie viele Angestellte in meiner Institution haben eigentlich migrantische Wurzeln?' Das wäre schon einmal eine Überlegung oder auch die Frage, wie man das eventuell ändern könnte oder woran es vielleicht liegen könnte, wenn man weniger Menschen mit Migrationshintergrund angestellt hat. Sehr oft wird auch das Thema Sprache in den Vordergrund gerückt. Auch da gibt es Überlegungen, dass man sich mal konkret überlegt: 'Was brauche ich an Sprachkenntnissen in meinem Unternehmen und wo kann vielleicht auch jemand hineinwachsen?'"
In Schulen könne beispielsweise darauf geachtet werden, dass die Vielfalt an Kindern in Büchern widergespiegelt werde, die inzwischen in den Klassenzimmern sei. "Dass es zum Beispiel auch einmal eine Geschichte über Kinder gibt, die ausländische Namen oder eine andere Hautfarbe haben. Sodass alle Kinder sich in den Geschichten auch wiederfinden. Dass sie auch Helden haben, die sie toll finden oder auch mal die Hauptperson sein können. Damit die Kinder auch wirklich das Gefühl bekommen, zu unserer Gesellschaft dazuzugehören."
Die Gemeinden Kelmis und Raeren sowie die Stadt Eupen beteiligen sich aktiv an der Kampagne und teilen die Inhalte zum Beispiel im Netz. Doch auch die anderen Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind dazu eingeladen, sich an der Aktion und anderen Projekten zu beteiligen.
"Unsere Priorität ist Eupen, Raeren und Kelmis, weil wir Integrationsbeauftragten dort unseren Arbeitsplatz haben", erklärt Adina Seres, Integrationsbeauftragte der Gemeinde Kelmis. "Das heißt aber nicht, dass die anderen Gemeinden ausgeschlossen sind. Wir teilen diese Kampagne und sind offen für die Gemeinden, die es anfragen. Wir haben die Plakate auch in digitaler Form zur Verfügung. Da können die Gemeinden es gerne anfragen. Das dauert nicht mal eine Minute, da können sie schon teilnehmen."
Auch die Deutschsprachige Gemeinschaft unterstützt das Projekt. In diesem Jahr gab es seitens der Regierung eine Zuschusserhöhung von 4.000 Euro. "Wir möchten mit dieser Kampagne die Toleranz und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ostbelgien fördern. Wir leben in einer Welt, in der wir täglich mit Personen konfrontiert sind, die eine andere Herkunft oder ein anderes Aussehen haben. Das ist einfach Normalität und muss es auch im gesellschaftlichen Zusammenleben sein", erklärt die zuständige Ministerin Lydia Klinkenberg.
"Ich glaube, wir haben sehr viele sehr aktive Akteure, die auch im Netzwerk 'Gemeinsam stark gegen Vorurteile' tätig sind. Diese Arbeitsgruppe ist sehr aktiv und versucht zu sensibilisieren und auch die Schulen zu motivieren. Ich glaube, wir sind da auch schon sehr gut aufgestellt in Ostbelgien, aber selbstverständlich ist es auch unsere Aufgabe als Regierung, darauf zu achten, dass der Rechtsrahmen auch keine Diskriminierung vorsieht und da achten wir sehr akribisch drauf."
Lindsay Ahn