Die Zahlen der letzten Zählung aus dem Jahr 2022 sind deutlich: 192 Menschen in Ostbelgien gelten damals als wohnungslos. Hinter dieser Statistik stehen oft komplexe Schicksale, bei denen sich verschiedene Problemlagen überschneiden.
Laut ASL-Geschäftsführerin Carolin Scheliga ist die Wohnungslosigkeit in der Beratung oft ein Begleitphänomen anderer Krisen: "Also bei uns sind gerade Leute in der Beratungsstelle wegen einer Suchtproblematik - die unter anderem auch obdachlos sind. Also, die kommen nicht wegen der Obdachlosigkeit zu uns, sondern wegen einer Suchtproblematik."
Für Betroffene, die unter psychischen Erkrankungen oder Sucht leiden, ist der Weg zurück in ein geregeltes Leben steinig. Ohne eine stabile Unterkunft greifen therapeutische Maßnahmen oft ins Leere. Die Basisvoraussetzungen für eine erfolgreiche Hilfe fehlen schlichtweg.

Bestehende Hilfen stoßen an Grenzen
"Hilfe wird dann allerdings schwierig, wenn so Basisvoraussetzungen - wie Wohnraum - nicht gegeben sind. Oder festes Einkommen, oder generell Struktur, aber auch Krankenversicherung. Da kommen schon mal Multi-Probleme zusammen. Aber eines des wichtigsten Probleme, die wir dann versuchen, mit den Menschen anzugehen, ist, wenn ein stabiler Wohnraum fehlt."
Zwar gibt es in den neun ostbelgischen Gemeinden Notunterkünfte und Übergangslösungen durch die Öffentlichen Sozialhilfezentren (ÖSHZ), doch diese sind laut Scheliga nicht auf Menschen mit intensivem Betreuungsbedarf ausgelegt. Es fehle vor allem an einer durchgehenden Aufsicht und spezialisierten Konzepten für Menschen, die auch nachts einen Ansprechpartner benötigen.
Zwischen Strommangel und Bürokratie
Oft scheitert die Rückkehr in ein geordnetes Leben schon an banal wirkenden Dingen des Alltags. Wer keinen festen Wohnsitz hat, verliert schnell den Anschluss an die digitale Kommunikation, die heute für Termine mit Ämtern oder Ärzten unerlässlich ist.
"Im Moment befindet sich gerade ein Obdachloser bei uns, der sich aufwärmt und sein Handy auflädt. Das ist auch so ein Problem. Heute laufen viele Dinge über die Medien. Es werden Termine abgesprochen oder müssen auch mal abgesagt werden. Dafür braucht man Strom. Den gibt es aber nicht einfach so. Deswegen: Handy aufladen ist bei uns möglich und mal zur Toilette gehen. Duschen ist zum Beispiel nicht möglich. Dafür haben wir noch keine Lösung gefunden."
Ein Appell für regionale Lösungen
Die ASL-Geschäftsführerin betont, dass die Arbeit an der Sucht erst dann Früchte tragen kann, wenn das "Strukturproblem Wohnung" gelöst ist. Andernfalls seien viele Interventionen "eigentlich für die Katz". Da auch die Hilfsangebote in den Nachbarregionen wie Aachen oder Verviers überlastet sind, brauche Ostbelgien dringend eigene, niederschwellige Strukturen. Besonders die administrativen Hürden müssten abgebaut werden, damit Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird - ungeachtet der Herkunftsgemeinde oder des bürokratischen Status.
"Also wir sehen Leute mit speziellen Problemen - und das kann auch etwas anderes als Sucht sein, zum Beispiel, wenn nicht ganz geklärt ist, aus welcher Gemeinde er kommt, denn Obdachlose pendeln auch schon mal. Dass wir da etwas zu haben, wo wir nicht erst auf die administrativen Voraussetzungen schauen müssen, sondern Hilfe sofort anbieten, dafür gibt es im Moment keine strukturelle Möglichkeit in Ostbelgien."
Manuel Zimmermann