Schnörkelige Buchstaben, ein großes C, das wie ein L aussieht, während das kleine C einem gekippten Z ähnelt: Die Sütterlin-Schrift ist eine alte deutsche Schrift, die nicht leicht zu entziffern ist. Sie wurde 1915 eingeführt. Lange gab es sie nicht - schon nach 26 Jahren wurde sie von den Nationalsozialisten verboten.
Dass sie so schwer zu lesen ist, hat mehrere Gründe, sagt Rainer Mertes. Auch er lässt seine alten Dokumente von der Initiative in Aachen übersetzen. "Da haben wir ein Problem auf verschiedenen Ebenen. Das fängt schon bei der eigenen Handschrift an: Meine Handschrift ist anders als Ihre. Sie schreiben Buchstaben anders als ich, aber nicht, weil Sie anders schreiben wollen, sondern weil es Ihre Handschrift ist." Auch die Rechtschreibung und die Verwendung veralteter Wörter erschweren die Arbeit.
Susanne Möller ist seit drei Jahren als Übersetzerin Teil der Gruppe. Sie hat sich das Übersetzen selbst beigebracht und möchte nun anderen Leuten helfen. "Ich nehme den Text mit nach Hause. Was wir nicht transkribieren können, da machen wir ein Pünktchen oder ein Kreuzchen und fragen die anderen, ob sie es lesen können. Das tragen wir dann nachträglich ein und dann ist es eigentlich fertig", sagt sie. "Es kommt immer darauf an: Bei Kochrezepten brauche ich eine Stunde und bin fertig. Es gibt aber auch Testamente in Kurrent, an denen ich teilweise mehrere Tage sitze." Kurrentschrift ist die Grundlage für die etwas später entstandene Sütterlinschrift.
Einer der aufwendigsten Aufträge umfasste ein 200 Seiten starkes Dokument. Dafür brauchte die Gruppe ungefähr ein Jahr. Doch die Arbeit mit alten Dokumenten ist für das Team nicht nur technisch sehr anspruchsvoll, sondern auch emotional, sagt Susanne Möller. "Es gibt traurige Sachen, zum Beispiel, wenn wir genau wissen, dass die Menschen, von denen wir transkribieren, gestorben sind. Oder wenn ein Kind gestorben ist. Das ist dann sehr traurig."
Auch für Rainer Mertes ist es emotional. Er hat sich an das Team gewandt, um mehr über seine Familiengeschichte herauszufinden. Dadurch sieht er Familienmitglieder mit ganz anderen Augen, beispielsweise einen Onkel. "Es wurde immer erzählt, dass er kleingeistig, geizig und negativ eingestellt war. Er war im Ersten Weltkrieg Soldat, und seine Briefe lesen sich anders. Das war aber auch der Situation geschuldet. Aber auch andere Unterlagen, die ich mittlerweile von ihm habe, sagen mir: Das war er nicht. Er war durchaus großzügig, den Leuten zugewandt und auch empathisch. Im Prinzip ist das ein ganz anderes Bild."
Die Aachener Übersetzer erhalten Anfragen aus ganz Deutschland. Ein neuer Auftrag wartet bereits auf sie: ein 90-seitiges Dokument aus Bayern von einem verstorbenen Großvater, der beide Weltkriege miterlebt hat. Da es sich um ein ehrenamtliches Team handelt, ist ihre Arbeit kostenlos. Die Initiative freut sich aber über Spenden.
Lea Reimus
