Wenn schon, denn schon: Zu seinem Neujahrsempfang hatte der frisch fusionierte Arbeitgeberverband Aved-IHK Ostbelgien neben den DG-Vertretern gleich den für sie zuständigen Wirtschaftsminister der Wallonischen Region eingeladen: Pierre-Yves Jeholet von der liberalen MR.
Jeholet nutzte denn auch die Gelegenheit, die Vorhaben und Reformen der Regionalregierung in Sachen Wirtschaftsförderung und Arbeitsmarkt zu präsentieren - angefangen bei einer zielgerichteten Ausbildung, auch wenn er, wie er zugab, damit Gemeinschaftsterrain betrat.
Bei rund 260.000 Arbeitssuchenden in der Wallonischen Region und gleichzeitigem Arbeitskräftemangel brauche es eine schnellere und passgenaue Begleitung Richtung Arbeitsmarkt, so Jeholet, notfalls auch mit Kontrollen und Sanktionen. Regulatorische Maßnahmen seien das Eine, so der Minister. Es komme aber auch auf die Einstellung an: bei den Bewerbern und den Unternehmern.
Damit stieß Pierre-Yves Jeholet bei den ostbelgischen Arbeitgebern auf offene Ohren. Allen voran ihr Verbandspräsident Bernd Hugo zeigte sich davon überzeugt, dass die Arbeitsmarktreformen, die auf den unterschiedlichen Ebenen angestoßen wurden, Früchte tragen werden. "Die Regierung, auch in der Wallonie, ist sich auf jeden Fall der schwierigen Rahmenbedingungen bewusst, aber auch sehr, sehr mutig mit den ganzen Reformen, die jetzt auf den Weg gebracht wurden und auch noch weiter werden. Und ich bin sicher, dass all diese Reformen auf unsere Ziele einzahlen, dass wir mehr Beschäftigung haben und mehr wirtschaftliche Aktivität in den nächsten Jahren."
Das neue Gesetz, mit dem ein bedeutendes Kontingent von Überstunden freiwillig und steuerfrei geleistet werden kann, bezeichnete Bernd Hugo sogar als "Game Changer" für eine Grenzregion wie Ostbelgien. "Wenn wir brutto/netto nehmen, ist das ein Mehr Nettogehalt von 400 bis 500 Euro pro Monat. Und das in unserer Grenzregion. Wenn ich jetzt eine Stunde eine Überstunden machen kann oder sitze eine Stunde im Auto (und das Auto kostet mich Geld), um auszupendeln - dann ist das eine Überlegung wert, ob ich noch auspendele oder ob ich mir einen Job, per Fahrrad sag ich mal, in Ostbelgien suche, vor der Haustür, und doch diese eine Stunde im Betrieb länger bleibe und das gleiche Geld oder ähnlich viel Geld in der Tasche behalte."
Bernd Hugo wollte nicht verheimlichen, dass der Arbeitgeberverband an dem Gesetz, das am 1. April in Kraft treten soll, zwar im Hintergrund, aber sehr aktiv mitgewirkt habe. "Wir haben diese Steuerreform mit initiiert. Das ist über die PFF gelaufen. Wir sind apolitisch. Ich möchte das betonen, aber die Jung-PFF ist an mich herangetreten im November 2023 und hat mir Fragen dazu gestellt. Und da habe ich denen erklärt: Okay, das ist eine gute Idee, ich liefere euch Argumente, damit könnt ihr das in eurer Partei verabschieden könnt. Das ist dann zur MR gewandert in Namur und dann ist es im Abkommen der neuen Föderalregierung in Brüssel gelandet."
Ein Beispiel dafür, dass der ostbelgische Arbeitgeberverband die Interessen seiner Mitglieder nicht nur in Ostbelgien vertritt, sondern weit darüber hinaus.
Stephan Pesch