Wandergesellin auf der Walz in Ostbelgien

Bei den Wandergesellen - Handwerkern "auf der Walz" - handelt es sich um eine seit Jahrhunderten bestehende Tradition, die für viele mittlerweile kein Begriff mehr ist. Heutzutage gehen im Schnitt jährlich nur noch um die 500 junge Menschen aus Deutschland auf die Walz. Ruth Kraul ist eine von ihnen und gerade in Ostbelgien.

Wandergesellin Ruth Kraul (Bild: Mélanie Simons/BRF)

Wandergesellin Ruth Kraul (Bild: Mélanie Simons/BRF)

Kurze Haare, außergewöhnlich gekleidet und eine positive, offene Ausstrahlung. So lässt sich Ruth Kraul beschreiben. Die 26-jährige Orgelbauerin kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf am Bodensee und ist seit zwei Jahren auf der Walz.

Auf der Walz zu sein bedeutet, dass sich ein junger Handwerker nach Abschluss des Gesellenbriefes dazu entscheidet, drei Jahre lang durch die Welt zu reisen. Dabei gibt es einen Ehrenkodex und einige Regeln, an die man sich halten muss.

Während der drei Jahre darf man zum Beispiel nicht in die Heimat, ein Handy ist Tabu, genauso wie ein Rucksack. Das Gepäck darf nur in Tücher eingepackt werden und wird über der Schulter getragen. Man reist also nur mit dem Nötigsten. Für Ruth ist das alles aber kein Problem.

„Mein Tag besteht daraus, dass ich irgendwo aufwache, entweder unter freiem Himmel oder vielleicht auch bei netten Menschen. Und dann überlege ich mir: Wo will ich hin oder was will ich tun? Und ja, manchmal habe ich dann doch ein Ziel, eine Region, die ich gerne mal sehen möchte, wo ich durchwandern will oder wo ich die Menschen kennenlernen möchte. Oder manchmal habe ich auch eine spezielle
Firma, die ich anvisiere.“

„Terminkalender ist nicht verboten, aber ist nicht ratsam, denn indem man Termine macht, lässt man dem Zufall keine Chance mehr. Und wenn man keine Termine hat, dann kann man so viele Sachen wahrnehmen. Oder man trifft nette Menschen, die sagen: Ach, du bist im Prinzip obdachlos, ja, komm doch mit zu mir, kriegst du was Warmes zu essen, kannst auch duschen, darfst mal wieder weich schlafen. Ja, so was passiert dann öfter mal und das ist total schön.“

Wandergesellen führen ein abenteuerliches Leben voller Überraschungen. Dafür sind zwei weitere besondere Regeln mitverantwortlich: Wandergesellen dürfen nur maximal drei Monate an einem Ort bleiben und sie dürfen kein Geld für Transportmittel ausgeben. Ruth muss also meistens laufen oder per Anhalter mitgenommen werden, um von Ort zu Ort zu gelangen.

Die junge Orgelbauerin ist auf ihrer Reise somit auf die Nettigkeit ihrer Mitmenschen angewiesen. Aber genau das macht ihrer Meinung nach die Walzerfahrung so besonders. „Obwohl ich, bevor ich auf der Walz war, schon viel gereist bin und mich immer für sehr weltoffen und tolerant hielt, habe ich gelernt, wie viele verschiedene Menschen es gibt, die noch offener als ich sind, noch herzlicher und großzügiger.“

„Das ist das Wichtigste, was man lernen kann: dass man nicht der einzige nette Mensch auf Erden ist, sondern dass es richtig, richtig viele nette Menschen gibt, die man auch so auf der Straße nicht erkennen würde, die man in irgendeine Schublade stecken würde. Aber jeder weiß es, keiner schafft es wirklich es umzusetzen. Es passt kein Mensch in eine Schublade.“

Ruth war in den letzten zwei Jahren in Deutschland, Polen und Frankreich unterwegs. Überall ist sie auf Nettigkeit gestoßen. Jetzt lebt sie seit drei Wochen bei einer Familie in Kelmis und arbeitet in Eupen in der Orgelbauerei Schumacher. Dass sie nach Ostbelgien gekommen ist, war eigentlich eher ein Zufall.

Auf dem Weg in die Bretagne ist sie durch die belgischen Ardennen gewandert und von da aus dann nach Bütgenbach. Dort hat sie ein Lontzener aufgegabelt und sie mit nach Eupen genommen. Er hat ihr von dem Orgelbauer erzählt und sie dort dann auch abgesetzt. Das war aber nur der Anfang. „Da kam dann zwei Stunden später der Mann, der mich von Bütgenbach nach Eupen mitgenommen hatte, zurück und hat gesagt, er hat mit seiner Mutter telefoniert und ihr erzählt, dass er eine Anhalterin mitgenommen hat und sie beim Orgelbauer abgesetzt hat. Und die Mutter sagte dann direkt zu ihm: ‚Warum hast du ihr keinen Schlafplatz angeboten?'“

„Und dann kam er zurück und hat gesagt: ‚Hey, ich soll dich mitnehmen, hat meine Mutter befohlen‘ – und dann hat er mich mitgenommen zu seiner Mutter. Dann haben wir dort mit seiner Mutter und seiner Familie zu Abend gegessen und da durfte ich die Nacht verbringen und durfte eine Badewanne genießen – und belgische Fritten genießen. Das war sehr schön. Und sie haben mir angeboten, wenn ich bei dem Orgelbauer arbeiten würde, dann könnte ich bei ihnen wohnen.“

Diese Woche ist Ruths vierte und letzte Woche in Ostbelgien. Danach geht es für sie zurück nach Frankreich, zu einem Orgelbauer im Elsass. Auf die Frage, wie sie Ostbelgien in Erinnerung behalten wird, antwortet Ruth: „Hier sind die Menschen alle so nett, dass ich sagen würde: Diese Region gehört zu den schönsten Regionen, die ich gesehen habe bisher oder die ich auch erleben durfte. Und das ist auf jeden Fall etwas, das ich mitnehme, wie herzlich hier die Menschen sind.“

Mélanie Simons