Vor 25 Jahren: Großkundgebung gegen Atommüllendlager „A.M.E.L. Nein“

Am 4. September 1994 erlebte Ostbelgien eine Kundgebung, wie es sie seitdem nicht mehr gegeben hat. Bei einer Sternwanderung zogen schätzungsweise 8.000 bis 10.000 Teilnehmer in den Ommerscheider Wald bei Wereth. Unter dem Slogan "A.M.E.L. Nein" protestierten sie gegen die mögliche Ansiedlung eines Atommüllendlagers für schwachradioaktiven Abfall.

„Atommüllendlager A.M.E.L. Nein“, so tönte es am 4. September 1994 im Ommerscheider Wald. Zu einer Sternwanderung hatten sie sich aufgemacht: Bürger aus den umliegenden Ortschaften, ganze Familien, Vereine, auch viele Gäste aus Deutschland. Schließlich lag der mögliche Standort für das Atommüllendlager nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt.

Im Interview mit dem BRF-Kollegen Alexander Homann schaute Gisela Keuerleber als Sprecherin der Bürgerinitiative über den großen Zuspruch bei der Sternwanderung hinaus: „Für uns war der erste Erfolg, als wir als kleine Gruppe von nur 15 Leuten gesehen haben, dass vor rund vier Wochen überall in der Gemeinde Amel kleine Plakate ans Fenster gehängt wurden, bestimmt an jedem zweiten Haus, dass sie das Lager nicht wollen.“

Der Standort am „Steinkreuz“, oben im Ommerscheider Wald, war einer von insgesamt 98 potentiellen Standorten für eine oberflächennahe Lagerung von schwachradioaktivem Abfall, wie es heißt. Ausgewählt hatte sie die „Nationale Einrichtung für radioaktive Abfälle und angereicherte Spaltmaterialien“, besser bekannt unter ihrem französischen Kürzel: ONDRAF.

Die Einrichtung hatte die ausgewählten Gemeinden am 7. April 1994 zur Besichtigung eines Atommülllagers im französischen Soulaines eingeladen. Mit dabei: Amels Bürgermeister Dr. Emil Mertes: „Selbstverständlich habe ich mich dafür interessiert. Aber wie soll man sich für eine Sache einsetzen, d.h. hier gegen dieses Atommüllendlager, wenn man sich nicht vorweg interessiert hat und alle Möglichkeiten der Information ausgeschöpft hat. Das ist ja gar nicht anders möglich. Und das habe ich getan, das war meine Pflicht.“

„Aus rein privat wissenschaftlichen Interessen“ sei man dorthin gefahren, rechtfertigte sich Emil Mertes, der im Jahr 2014 verstarb. Ihm wurde von vielen eine aktive Rolle in dieser Frage unterstellt, spätestens als Ende April 1994 über ein BRF-Interview bekannt wurde, dass die Gemeinde Amel zu den ausgewählten potentiellen Standorten für ein Atommüllendlager gehöre.

„Die Gemeinde hat immer ‚Nein‘ gesagt. Drei Wochen nach dem Bekanntwerden, dass die Gemeinde Amel von der ONDRAF als potentieller Standort ausgesucht worden ist, hat der Gemeinderat eine ganz klare Stellungnahme gegen das Lager verabschiedet – einstimmig!“, so Emil Mertes im Interview am Rande der Kundgebung am 4. September 1994.

Neben Privatleuten, Vereinen und Interessengruppen waren Politiker aller Couleur gekommen, um ihre Unterstützung zu zeigen. Die Bürgerinitiative „A.M.E.L. Nein“ hatte aber wiederholt unterstrichen, dass sie sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen wollte: „Wir sind keine parteipolitische Gruppe. Wir machen ganz klar nur Umweltpolitik“, so Gisela Keuerleber-Engstfeld. „Das, was mit dem Bürgermeister gelaufen ist, muss er selbst verantworten. Was hat er getan? Was hat er gesagt? Was hat er für eine Rolle gespielt mit ONDRAF? Das alles spielt keine Rolle, weil es eine nationale Entscheidung ist, wo das Lager hinkommt.“

Auch im Kommunalwahlkampf spielte das Thema natürlich eine Rolle. Wie dem auch sei: Dr. Emil Mertes wurde nach 24 Jahren als Bürgermeister abgewählt. Sein Nachfolger wurde Klaus Schumacher.

Mit Archivmaterial des Medienzentrums und aus dem eigenen Tonarchiv erinnert der BRF an den Tag der Großkundgebung und an die politischen Begleitumstände.

Stephan Pesch

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