100 Jahre Bauhaus: Auf den Spuren von Mies van der Rohe in Raeren

Das Bauhaus feiert in diesem Jahr 100. Jubiläum. Die Kunstschule, 1919 in Weimar von Walter Gropius gegründet, gilt als Heimstätte und Wegweiser für die Kunst und Architektur der Moderne. Zu den prominentesten Vertretern zählte der weltbekannte Architekt Mies van der Rohe aus Aachen. Er leitete das Bauhaus als Direktor von 1930 bis zu dessen Auflösung durch die Nazis in 1933. Bis heute gilt Mies als eine überragende Figur der deutschen Avantgarde-Architektur. Und Spuren seines Wirkens sind auch in Ostbelgien zu finden, nämlich in Raeren.

Haus Homburg

Das Haus Homburg in Raeren - Bild: Melanie Ganser/BRF

In der Nähe von Marmorwerk und Bahnhof liegt auf einem Hügel mit Blick über Raeren das Haus Homburg. Es ist ein puristischer Bau mit Flachdach und großen Fenstern – eine Architektur im Bauhausstil, die bei Neubauten derzeit wieder ein Revival erlebt. Das Haus Homburg allerdings ist bereits mehr als 80 Jahre alt, damals eine Villa, die auf dem Land auffiel, ein moderner Kontrast zum Raerener Dorfbild, das von den alten Bruchsteinhäusern dominiert wurde.

„Es ist auf jeden Fall ein Haus hier in der gesamten Deutschsprachigen Gemeinschaft, was zu der Zeit heraussticht. Es gab zum Beispiel schon die Gebäude ums Wetzlarbad – das waren auch moderne Gebäude mit einer etwas anderen Stilrichtung -, aber es gab nicht viele davon in Ostbelgien. Und das Haus Homburg ist eins davon“, sagt Nina Reip, die sich lange mit dem Haus Homburg auseinandergesetzt und in der Reihe „Grenzerfahrungen“ (Band 4) einen Beitrag dazu verfasst hat.

Erbaut wurde es zwischen 1936 und 1937 von Joseph Homburg. Bewohnt wird es heute in dritter Generation von dessen Enkel Armin Homburg und seiner Frau. „Mein Vater hat überliefert, dass die Raerener gesagt haben: Jetzt ist der alte Homburg verrückt geworden, als er ein Haus gebaut hat flach und ohne Dach.“

Joseph Homburg und Ewald Mies: Freunde und Partner

Der Bauherr Joseph Homburg stammte ursprünglich aus Hergenrath und war Steinmetz. 1928 kaufte er das Raerener Marmorwerk, Anfang der 30er Jahre beschloss er, in Raeren ein Haus zu bauen, erzählt Armin Homburg. „Seine Idee war eine repräsentative Villa mit ein paar Büroräumen für das Marmorwerk und der Möglichkeit, den Kunden zu zeigen, was man alles aus Marmor machen kann. Es sollte also eine moderne großbürgerliche Villa werden.“

Homburg bat seinen langjährigen Schulfreund und Handelspartner Ewald Mies um Hilfe, ein Steinmetz aus Aachen und älterer Bruder von Ludwig Mies, der berühmte Architekt, der sich später Ludwig Mies van der Rohe nannte. Die Verbindung zwischen den Familien reichte sogar noch viel weiter, denn Homburgs Ehefrau, Ina Broers, war schon seit Kindheitstagen mit den Mies-Kindern bekannt. Gemeinsam waren sie im Aachener Ostviertel groß geworden und hatten dort als Nachbarskinder miteinander gespielt.

Rohentwurf

Zusammen mit Ewald Mies ging Homburg sein Bauvorhaben also an. „Als mein Großvater dann die Ideen zusammengetragen hatte, wie das Haus aussehen sollte und was er gerne realisiert hätte, hat Ewald Mies vorgeschlagen, seinen Bruder zu fragen, ob er nicht einen Entwurf macht“, erklärt Armin Homburg. „Ludwig Mies van der Rohe war inzwischen international reputierlicher Architekt und bekannt. Und diese beiden Brüder hatten bekanntermaßen immer eine sehr intensive Beziehung zueinander, hatten immer einen persönlichen aber auch professionellen Austausch. Und dann hat Ludwig Mies van der Rohe Mitte der 30er Jahre einen Rohentwurf für dieses Haus gezeichnet.“

„Es hat dann scheinbar nochmal ein Hin und Her gegeben über die Variationen, die dieses Gebäude haben kann“, berichtet Homburg. Aber zwischen 1936 und 1937 wurde das Haus Homburg schließlich erbaut – und das sehr nah am allerersten Entwurf, als große Villa mit rotem Backstein, in L-Form mit einem Wohn- und einem Repräsentationstrakt. Der Bauherr Joseph Homburg konnte die Fertigstellung leider nicht mehr erleben. Er war 1936 überraschend verstorben, als das Haus Homburg noch ein Rohbau war.

Kriegszeiten

In Nazi-Deutschland hätte die Villa damals übrigens gar nicht mehr erbaut werden dürfen: Bauhaus-Architektur galt als entartet, Flachdächer waren nicht mehr erlaubt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde dem Haus Homburg dann schwer zugesetzt, weiß Armin Homburg.

Sein Vater war damals zur Wehrmacht eingezogen worden, seine Großmutter blieb alleine zurück. Und als Aachen bombardiert wurde, gewährte sie zahlreichen Verwandten Zuflucht in dem Haus in Raeren. 1944 verstarb sie jedoch selbst. „Diese Verwandten haben dann nochmal andere Menschen nachkommen lassen, von denen wir nicht genau wissen, wer das war. Es wird berichtet, dass bis zu 56 Menschen hier im Haus gelebt haben am Ende des Krieges, Evakuierte und Ausgebombte“, sagt Homburg.

„Als sie wieder in ihre Heimat zurückgezogen sind, haben sie leider alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Hinzu kam, dass die Bahnhofsanlage hier in Raeren 1944 bombardiert worden ist. Das Haus ist zwar nicht direkt getroffen worden, aber durch den Luftdruck sind die Scheiben kaputt gegangen und das Dach war beschädigt. Als mein Vater 1946 aus Kriegsgefangenschaft zurückkam, war alles unheimlich heruntergekommen: leer geräumt und beschädigt.“

Ewald Mies: Architekt oder Bauleiter?

Mit und mit wurde das Haus von Hermann Homburg wieder hergestellt, ein Werk, das heute von der nächsten Generation fortgeführt wird. Und ein Haus, das bis heute Fragen aufwirft, denn als Architekt wird offiziell Ewald Mies genannt – damals allerdings kein geschützter Begriff. „Zurückblickend muss man sagen, das bedeutet nichts. Daraus kann man nichts schließen, denn er war effektiv der Bauführer hier vor Ort. Es gab sonst auch niemanden, der dieses Projekt hier vor Ort als Architekt hätte verantworten können“, erklärt Armin Homburg.

Außerdem sind keine anderen Bauwerke von Ewald Mies bekannt, erklärt Nina Reip: „Was wir noch von ihm kennen, sind Steinmetzarbeiten in Aachen. Dazu gibt es auch noch Unterlagen und Bilder – das ist also sehr verbrieft. Wir kennen aber sonst kein Haus, das von Ewald Mies gebaut worden ist. Er firmt als Architekt, aber wir kennen nur das Haus Homburg in Ostbelgien. In Aachen wissen wir von keinem anderen Haus.“

War Ewald Mies also primär Bauleiter und sein Bruder der kreative Kopf des Projektes? Armin Homburg hält das für naheliegend. „Es ist sehr wahrscheinlich oder nachvollziehbar, dass hier über den lokalen Bauleiter Ewald Mies hinaus ein avantgardistischer Architekt die Finger im Spiel hatte.“

Provokative Avantgarde

Dafür spricht neben der engen Bindung der Brüder auch die Ähnlichkeit zu anderen Mies-Entwürfen dieser Zeit, etwa dem Haus Lange in Krefeld. „Es war provokative Avantgarde und man kann es vergleichen mit dem, was Mies van der Rohe in der Zeit sonst entworfen hat: flaches Dach, große Fensterflächen, Öffnung des Wohnraums nach außen, Verlenkung der Wandstrukturen aus dem Gebäudevolumen nach draußen, runde Wände, Verkleidung mit Marmor-Dekor-Elementen – das sind alles Dinge, die typisch sind für Mies van der Rohe-Projekte aus dieser Zeit.“

Inwiefern das Haus in seiner Umsetzung aber tatsächlich Mies van der Rohe zuzuschreiben ist, wird wohl nie ganz geklärt werden können. Fest steht aber, dass das Haus Homburg bis heute ein frühestes Beispiel für moderne Architektur mitten auf dem Land ist.

Ludwig Mies van der Rohe

Ludwig Mies van der Rohe wurde am 27. März 1886 als Maria Ludwig Michael Mies in Aachen geboren. Seine Eltern waren Michael Mies, ein Steinmetzmeister, und dessen Ehefrau Amalie (geb. Rohe). Ludwig Mies wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern auf, darunter zwei Schwestern und der ältere Bruder Ewald Mies, der später den elterlichen Steinmetzbetrieb übernehmen sollte.

Nach der Grundschule und Domschule besuchte Mies van der Rohe von 1899 bis 1901 die Gewerbeschule in Aachen. Sein Zeichentalent verschaffte ihm seine erste Anstellung als Zeichner für Stuckornamente, bevor er dann 1904 zum Aachener Architekten Albert Schneiders wechselte. Für ihn arbeitete er unter anderem an dem sozialistischen Kaufhaus „Zur neuen Welt“, das noch heute in der Aachener Alexanderstraße steht. Es gilt als das älteste erhaltene Bauwerk, an dem Mies nachweislich mitarbeitete.

1905 verließ Ludwig Mies seine Heimatstadt Aachen und zog nach Berlin, wo er schließlich nach intensiven Lehrjahren 1913 sein eigenes Architekturbüro gründete. 1922 fügte er seinem Nachnamen die Herleitung „van der“ und den Geburtsnamen seiner Mutter „Rohe“ hinzu.

1930 nahm er die Berufung zum Direktor des Bauhauses an, das 1925 von Weimar nach Dessau gezogen war. Damit war Mies der letzte Leiter der Kunstschule, denn 1933 wurde das Bauhaus von den Nazis geschlossen.

In den USA hingegen stieß die moderne Architektur Anfang der 30er Jahre auf großes Interesse und so erhielt Mies 1936 die ersten Angebote zu Lehrtätigkeiten an Universitäten in den USA. 1938 siedelte Mies in die Vereinigten Staaten über und nahm am Armour Institute in Chicago seine akademische Lehrtätigkeit wieder auf. 1939 gründete Mies van der Rohe sein Architekturbüro in Chicago, 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger.

Seiner Heimat blieb Mies trotzdem immer eng verbunden. In den sechziger Jahren etwa plante er noch die Neue Nationalgalerie in Berlin, die als Meisterwerk gilt. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen außerdem auch das Illinios Institute of Technology in Chicago oder das Seagram Building in New York. Nicht zu vergessen seine berühmten Möbeldesigns, darunter etwa der Barcelona-Sessel.

Sein letztes Projekt entwarf er 1968 für seine Heimatstadt Aachen, die Firmenzentrale für die VEGLA Vereinigten Glaswerke, die allerdings nie realisiert wurde. 1969 starb Mies van der Rohe in Chicago im Alter von 83 Jahren.

Melanie Ganser

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