Pilotprojekt zur kultursensiblen medizinischen Versorgung in Würselen

Welche Fähigkeiten benötigen Ärzte und Pfleger, um Patienten mit Migrationshintergrund kultursensibel zu versorgen? Um Fragen wie diese dreht sich alles bei einem Pilotprojekt, das zur Zeit am Rhein-Maas-Klinikum in Würselen läuft. Aber es geht um mehr als die angemessene Versorgung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.

Krankenschwestern im Lütticher Krankenhas CHU

Illustrationsbild: Eric Lalmand/Belga

In den Kliniken und Arztpraxen ist es eine tägliche Herausforderung: der angemessene, wertschätzende Umgang mit Patienten unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft. Das von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte und von vielen Partnern getragene Pilotprojekt will einen – vielleicht entscheidenden – Beitrag leisten, diese Herausforderung zukünftig besser zu meistern.

„Es ist ein Modellprojekt, und wir fangen natürlich irgendwo an und wollen es in die Breite bringen. Ein Grund, warum wir uns für Aachen entschieden haben war, dass wir wussten, dass die niedergelassenen Ärzte und die Klinik sehr gut vernetzt sind. Ein anderer Grund ist die Grenznähe“, erläutert Dr. Martina Levartz, die Koordinatorin des Projekts und Geschäftsführerin des Instituts für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein.

Was steht im Mittelpunkt der Fortbildungsreihe, wie ist sie aufgebaut? „Wir wollen eine kulturelle Öffnung und eine Sensibilisierung bei Krankheit, bei Tod, bei Umgang mit Trauer erreichen. Wir machen das durch unterschiedliche Module. Dabei geht es um Haltung, um Kommunikation, nicht nur die sprachliche, um Krankheitsverarbeitung, um Familie und Gender, aber auch um den Umgang mit Gewalt, Trauma, Schmerz.“

Warum hat sich das Rhein-Maas-Klinikum in Würselen als Gastgeber der Fortbildung beworben? Dazu sagt der aus den Niederlanden stammende Geschäftsführer René Bostelaar: „Wir sind ein Krankenhaus an der Grenze zwischen Belgien und Holland. Wir sehen uns als europäisches Krankenhaus. Und wir haben natürlich durch die Migrationswellen durch Kriege in arabischen Ländern und Nordafrika einen hohen Zulauf an Patienten. Wir stellen immer wieder fest, dass das Erklären von Erkrankungen oder das Erklären bei der Pflege schwierig ist. Oft haben diese Menschen eine ganz andere Auffassung von Krankheit oder davon, wie man damit umgeht.“

Nach den ersten Modulen stellt Bostelaar mehr als nur eine positive Grundhaltung unter den Teilnehmern fest. „Die Mitarbeiter, die mitgemacht haben, waren begeistert und haben mir gesagt, dass sie vieles jetzt besser verstehen und besser handeln können. Das ist schon ein großer Gewinn.“

Die Bedeutung der Schulung unterstreicht Serim Alma. Sie hat türkisch-arabische Wurzeln, ist als Referentin in das Projekt eingebunden und vertritt die medizinischen Fachangestellten. „Wir sind in der Regel die ersten Ansprechpartner für die Patienten, aber auch für die Angehörigen. Um Verständnis zu entwickeln für die Patienten, sollte man sich schon für ihre Biographie interessieren. Wenn die Kollegen sensibilisiert werden, sich zu öffnen, dann können sie den Patienten besser verstehen.“

Die gebürtige Türkin Lena Dizim ist Case-Managerin im Würselener Krankenhaus. Sie macht deutlich, dass die kulturelle Öffnung auch und gerade im medizinischen Bereich keinen Aufschub mehr duldet. „Vor allem ist mir das eine Herzensangelegenheit, weil ich täglich sehe, wie dringend das ist. Das Thema hätte eigentlich schon vor Jahren gestartet werden müssen. Es ist wirklich Fünf vor Zwölf. Wir kommen nicht drum herum, uns kulturell zu öffnen. Und da muss man sich mit den kulturellen Hintergründen beschäftigen. Wir wollen ja im Gesundheitswesen den Menschen ganzheitlich behandeln.“

Interkulturelle Kompetenz kann man lernen, muss man lernen in diesen Zeiten. Das laufende interprofessionelle Pilotprojekt in Würselen dürfte grenzüberschreitend von großer Bedeutung sein.

Rudi Schroeder

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