Die 68er und Ostbelgien (Teil eins): Löwen – Deutschsprachige Studenten Zuschauer zwischen den Stühlen

1968 - ein Jahr voller Proteste. Die Studentenproteste 1968 werden zum Symbol einer ganzen Dekade. 50 Jahre danach wollen wir zurückschauen. Was bedeuteten die 68er für unsere Region? Was haben Ostbelgier erlebt? Wie denken sie heute darüber? An der Universität Löwen erreichte gerade die "Walen-buiten"-Bewegung ihren Höhepunkt. Und sie sollte auch einige ostbelgische Studenten nachhaltig beeindrucken.

Studentenprotest 1967 in Löwen (Archivbild: Belga)

Studentenprotest 1967 in Löwen (Archivbild: Belga)

Eigentlich hatte die Universität Löwen nur ein Platzproblem. Als in den 60er Jahren die Studentenzahlen steigen, wird die Universität in eine flämische und eine französischsprachige Abteilung aufgeteilt. Alles war zweisprachig, erzählt Werner Miessen, der damals in Löwen Philosophie studierte. „Fast alle Unterrichte und Veranstaltungen liefen parallel in zwei Sprachen. Fast jede Vorlesung gab es auf Niederländisch und auf Französisch“, erinnert sich Miessen.

Dabei ist die geteilte Universität nur ein Symbol für ein geteiltes Land, erklärt der ostbelgische Historiker Carlo Lejeune. „Wer in Löwen war, stellte fest, dass der belgische Staat als Zentralstaat keine Zukunft mehr hatte. Über das Schlagwort ‚Walen buiten‘ gingen die flämischen Studenten auf die Barrikaden und forderten, dass die wallonischen Studenten eine eigene Universität in der Wallonie erhalten sollten“, erklärt Lejeune. „Dadurch wurden aber auch den alten flämischen Forderungen Nachdruck verliehen, die soweit gingen, dass die belgische Regierung 1968 zurücktreten musste und Neuwahlen ausgeschrieben werden mussten.“

Sprachenstreit

Der Sprachenstreit ist die Antriebsfeder der Walen-buiten-Bewegung. Er existiere seit der Gründung Belgiens und werde auch noch lange weiter existieren, sagte der zurückgetretene Premierminister Paul Vanden Boeynants von der christlich-sozialen CVP fast prophetisch am 7. Februar 1968.

Die Proteste gehen aber weiter, bis im Herbst 1968 der Plan zur Ausgründung der französischsprachigen Abteilung nach Louvain-la-Neuve verabschiedet wird. Die ostbelgischen Studenten sind bei dem Streit und den Protesten vor allem Beobachter. „Ich nahm daran nicht teil, ab und zu ging ich aber mit meinem sizilianischen Studienkollegen schauen. Er nannte es das belgische Spektakel. Wir verhielten uns als neutrale Beobachter“, erzählt Werner Miessen.

Problematisch ist für die Deutschsprachigen eher ihre eigene Sprache, erzählt auch der spätere PDB-Politiker Lorenz Paasch. „Von den Studenten wurden wir häufig als ‚les allemands‘ oder ‚les boches‘ betitelt. Insbesondere die Auseinandersetzung zwischen den Französischsprachigen und den Flamen wirkte sich auf uns sehr problematisch aus, denn wir waren in der frankophonen Abteilung, hatten aber mit der Studentenvereinigung Eumavia die besten Kontakte zu den flämischen Studentenvereinigungen.“

Neutralität

Die Deutschsprachigen stehen also zwischen den Stühlen. Umso wichtiger ist es für ihre Studentenverbindung Eumavia, neutral zu bleiben. „Als Studentenverbindung haben wir in der Eumavia immer darauf geachtet, keine Position zu ergreifen und zwischen den Fronten zu bleiben. Das waren wir auch gewohnt, denn in Ostbelgien durfte man ja auch nicht Position ergreifen“, erinnert sich Paasch.

Die Eumavia war wie eine Ersatzfamilie, erzählt Paasch. Man wohnte zusammen und traf sich regelmäßig, nicht nur zum gemeinsamen Feiern, sondern auch zum Lernen und Diskutieren. Ideen wie eine Föderalisierung Belgiens wurden genau so besprochen, wie die allgemeinen Ideen der 60er im Bezug auf eine freiere und demokratischere Gesellschaft.

Kein Wunder, dass diese Erfahrungen die Studenten von damals auch nach ihrer Rückkehr nach Ostbelgien beeinflusst haben, meint Carlo Lejeune. „Ich habe das Gefühl, dass die Studenten, die in Löwen studiert haben und die Studentenunruhen mitbekommen haben, sich mit den Gedanken des Föderalismus auseinandergesetzt haben, der hier in Ostbelgien – vor allem im GrenzEcho – gar nicht wahrgenommen worden ist.“

Nicht alle ostbelgischen Studenten haben die Ereignisse auf die gleiche Weise erlebt. Werner Miessen sagt von sich, er sei nicht politisch interessiert gewesen und auch kaum von den Protesten beeinflusst. Lorenz Paasch hingegen hat in Löwen viel mitgenommen. „Das Ganze fand im Rahmen einer Umstrukturierung Belgiens statt, die mit der Sprachengesetzgebung, der Anerkennung der Sprachgebiete, usw. bereits begonnen hatte. Das war erst der Beginn einer Entwicklung der regionalen und gemeinschaftlichen Institutionen. Dass uns das mitgeprägt hat, ist klar, denn wir konnten erkennen, dass man mit etwas kräftigerem Fordern auch einiges erreichen konnte.“

ake/mg

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