Risse im Reaktorkessel von Tihange könnten sich ausweiten

Vor zwei Jahren waren die Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 wegen winziger Risse im Stahlkessel abgeschaltet worden. Experten hatten die Meiler nach monatelangen Tests freigegeben. Die jüngsten Prüfungen sind aber schlechter ausgefallen als erwartet.

Atomkraftwerk von Tihange

Doel 3 und Tihange 2 liegen bis auf weiteres still. Im schlimmsten Fall sogar für immer, wie unabhängige Atomexperten dem BRF erklärten. Die Gefahr: Bei einer Notabkühlung des Kernkraftwerks könnten die winzig kleinen Risse im Stahlkessel größer werden. Das geht aus einem Dauerbelastungstest hervor. Im Kernforschungszentrum von Mol wurde in den letzten Wochen eine Stahlprobe untersucht, die ähnliche Materialfehler wie Doel 3 und Tihange 2 aufweist.

Die Stahlprobe im Forschungszentrum Mol wurde dauerbestrahlt. Eine Belastung, die 40 Jahren in einem Kraftwerk entspricht – sagt Céline Faidherbe, Sprecherin der belgischen Atomaufsicht FANK. Aus den Ergebnissen gehe hervor, dass das Risiko größer ausfalle als in den theoretischen Modellen beschrieben.

Heißt konkret: Es besteht die Gefahr, dass die Risse im Stahlkessel größer werden. Dass der Stahlkessel im schlimmsten Fall sogar zerbrechen könnte. Alle theoretischen Berechnungen hatten das bislang ausgeschlossen. Es war immer nur die Rede von Materialfehler im Stahl. Die Risse seien schon während der Herstellung in den Niederlanden entstanden und konnten erst durch moderne Messtechnik entdeckt werden.

Wie die jetzt erfolgte Untersuchung einer etwa baugleichen Stahlprobe in Mol zeigt, könnte die Lage in Extremsituationen problematisch sein. Sagt auch Anne-Sophie Hugé, die Sprecherin von Electrabel, dem Betreiber der beiden Kernkraftwerke in Belgien. Wenn der Reaktorinhalt in einer Notsituation heruntergekühlt werden müsste, also kaltes Wasser eingelassen wird, dann seien die Testergebnisse nicht zufriedenstellend in Bezug auf eine weitere Nutzung, sagt die Electrabel-Sprecherin.

Sollten die Gefahr bestehen, dass die Risse sich tatsächlich weiter ausbreiten – was derzeit definitiv nicht der Fall ist – dann haben wir ein großes Problem, meint Faidherbe von der Atomaufsicht.  Dann würde nämlich radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Behälter austreten.

Weder der Konzern noch die Atomaufsicht können sich die schlechten Testergebnisse derzeit erklären. Weitere Untersuchungen werden zur Zeit ausgeführt. Vor Mitte Juni soll es keine neuen Erkenntnisse geben. So lange bleiben die Meiler aus Sicherheitsgründen abgeschaltet. Die Zukunft von Doel 3 und Tihange 2 also äußerst ungewiss.

Bild: Tanguy Jockmans (belga)