„Sind Sie Behinderter oder Journalist?“

Menschen mit einer Behinderung müssen im Alltag mit Einschränkungen zurechtkommen, die nicht behinderten Menschen oft nicht bewusst sind. Der Kampf um Alltägliches wie zum Beispiel auch Anerkennung in Beruf und Öffentlichkeit gehört dazu.

Im Alltag gibt es zahlreiche Hindernisse für Menschen mit BehinderungWie schmerzhaft es für Behinderte sein kann, durch Äußerungen und Kommentare auf ihre Behinderung zurückgeworfen zu werden, hat jetzt ein Journalist des Radiosenders RTBF erfahren. François Colinet arbeitet seit acht Jahren als freiberuflicher Journalist beim Radiosender RTBF.

Seit Geburt ist Colinet behindert, alleine kann er sich nur im Rollstuhl fortbewegen. Für seine Arbeit beim Radio ist das egal, bei der RTBF hat man sich darauf eingestellt. Die Kollegen respektieren Colinet als „ganz normalen Mitarbeiter“.

Doch jetzt ist der Journalist während seiner Arbeit auf äußerst unangenehme Art mit dem Umstand konfrontiert worden, dass er mit einer Behinderung leben muss. Für die Musiksendung, für die er Beiträge macht, wollte sich Colinet mit der Sängerin Véronic Dicaire zu einem Interview treffen. Er rief bei dem Pressebeauftragten der Sängerin an, erklärte ihm sein Anliegen und fragte auch danach, ob der Raum, in dem das Interview stattfinden soll, zugänglich sei für einen Rollstuhlfahrer.

„Er hat mir mit der Frage geantwortet: Sind Sie Behinderter oder Journalist?“, erzählt Colinet von dem Telefongespräch. „Denn wenn Sie behindert sind und von diesem Umstand profitieren wollen, einen Künstler zu treffen, dann ist das zwar möglich. Aber das hat dann nichts mit Journalismus zu tun.“

Der Mann, der diese Antwort gegeben haben soll, ist Emmanuel Deroubaix. Als Pressebeauftragter vertritt er mehrere Künstler, darunter einige TV-Stars. Seit kurzem ist er auch Schöffe für die liberale MR in der Brüsseler Stadtgemeinde Woluwe-Saint-Lambert. Er bestreitet, diese Äußerungen gemacht zu haben. „Wenn der Kollege seine Arbeit als Journalist nicht machen kann, weil er behindert ist, ist es nicht meine Aufgabe, besondere Vorkehrungen für das Interview zu treffen“, sagte er der RTBF. Allerdings nicht vor laufender Kamera oder in ein Mikrofon.

Den Journalisten Colinet treffen solche Äußerungen tief. Es sei ein täglicher Kampf, sich mit der Behinderung herumzuschlagen. Aufstehen, Anziehen, arbeiten gehen, im Beruf ernst genommen werden – und das alles mit dem Rollstuhl, seinem ständigen Begleiter.

Der Journalist hat den Vorfall nicht auf sich sitzen lassen. Auf den Internetseiten der RTBF hat er einen ausführlichen Bericht über den Fall veröffentlicht und außerdem das Zentrum für Chancengleichheit über alles informiert. Denn er fühlt sich diskriminiert – und sieht das Gesetz dabei auf seiner Seite. Und das wohl zu Recht, denn tatsächlich verbietet das Antidiskriminierungsgesetz von 2003, eine Person an der Ausübung ihres Berufs zu hindern, nur weil sie behindert ist.

Nachdem der Fall für einigen Wirbel im Internet gesorgt hat, wo es viele Kommentare der Solidarität für Colinet gab, meldete sich auch noch einmal Emmanuel Deroubaix zu Wort. Er leugnet zwar noch immer, die Worte so gesagt zu haben. Doch immerhin entschuldigt er sich schriftlich „bei all denjenigen, die sich durch die Äußerungen, die mir nachgesagt werden, verletzt fühlen können, und vor allem bei dem Hauptbetroffenen.“

Bild: istockphoto

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