Wie einfach ist doch das Tanken von Diesel oder Benzin, wird sich so mancher E-Auto-Fahrer immer wieder denken. Riesige Schilder, die schon von Weitem zeigen, was der Liter Sprit kostet. Es ist aktuell zwar sehr teuer, aber man kann tanken, wo man möchte. Alle Kunden zahlen im Normalfall den gleichen Preis. Und bezahlen kann man überall mit Bank- beziehungsweise Kreditkarte.
Und bei Elektroautos? Da ist all das leider oft nicht so. Schöne neue Welt in vielerlei Hinsicht, klar, aber nicht, was den Tank- beziehungsweise Auflade-Komfort angeht. Angefangen mit dem Rausfinden, was der Strom an einer spezifischen Säule kostet. Eine sehr wichtige Information, zumindest wenn einem das eigene Portemonnaie nicht egal ist. Im Gegensatz zu Benzin und Diesel gibt es für Strompreise an Ladesäulen im Prinzip keine Obergrenze.
Und das hat weitreichende Folgen, wie die VRT mit ihrer neuen Recherche belegt. Die Journalisten haben beim Vergleich der Preise einer großen belgischen Plattform mit rund 25.000 Ladesäulen sehr große Preisunterschiede festgestellt, wie VRT-Energieexperte Luc Pauwels erklärt.
Dynamische Strompreise
Was sich dann auch in der Praxis vor Ort bestätigt hat: An einer Schnellladesäule habe der Anbieter für einmal Aufladen 64 Euro verlangt, bei anderen exakt gleichen Säulen hingegen kaum 25 Euro. Also zweieinhalb Mal weniger. Genau hinschauen lohnt also.
Die Anbieter selbst verteidigen solche Unterschiede unter anderem mit den dynamischen Preisen für Elektrizität. Die habe man zu Hause und für Betriebe doch schließlich auch. Das Ganze biete ja auch große Vorteile für Verbraucher, so Philippe Vangeel von EV Belgium, dem Branchenverband für Elektromobilität, gegenüber der VRT. Verbraucher könnten die dynamischen Preise für Strom etwa nutzen, um ihre Fahrzeuge aufzuladen, wenn Elektrizität günstiger sei. Sie könnten also vom System profitieren, zumindest, wenn sie es geschickt anstellten.
Viele Faktoren bei der Preisgestaltung
Sich geschickt anstellen, das bedeutet vor allem: Sich sehr eingehend mit der Materie befassen und sehr, sehr viel vergleichen. Es gibt unglaublich viele Faktoren, die die Preisgestaltung beeinflussen können, wie Luc Pauwels aufzählt: Startgebühren, Rabatte durch Ladepässe und -karten, Zeittarife. Und das ist nur eine sehr kleine Auswahl. Es gibt nämlich auch noch - tatsächlich - Roaming-Gebühren, wenn man ein Abo bei einem bestimmten Anbieter hat, aber bei einem Partner auflädt. Es gibt Anbieter, die gesalzene Aufschläge von bis zu 65 Prozent pro Kilowattstunde berechnen, wenn man mit Bankkarte oder normaler Bezahl-App bezahlen will anstatt mit hauseigenen Apps. Es gibt Strafgebühren, wenn man Ladesäulen zu lange belegt und so weiter und so fort. Der Fantasie mancher Anbieter scheinen da kaum Grenzen gesetzt.
Eigentlich wisse niemand, was einen das Aufladen kosten werde, die Preise seien undurchsichtig, so das wenig überraschende Fazit des VRT-Energieexperten.
EU-Regeln sind schwammig
Man sage nicht, dass da nicht noch Luft nach oben sei, so die Reaktion des Branchenverbands. Aber man bewege sich in eine gute Richtung. Schließlich sei auf europäischer Ebene geregelt, was die Anbieter dürften, beziehungsweise was ihre Verpflichtungen seien. Nur, dass besagte Regeln offenbar eben so schwammig sind, dass manche Anbieter sie sehr, sehr großzügig auslegen. Die EU-Regeln sprechen zum Beispiel davon, dass Anbieter nur angemessene Preise und Gebühren verlangen dürfen. Was "angemessen" ist, liegt aber aus offensichtlichen Gründen im Auge des Betrachters.
Die EU setze darauf, dass sich der Markt selbst reguliere, unterstreicht der Branchenverband. Wenn Kunden bestimmte, teure Ladesäulen mieden, werde der Anbieter schon gezwungen sein, seine Preise anzupassen, das sei der zugrundeliegende Gedanke der Europäischen Kommission gewesen.
In puncto überteuerte Ladesäulen habe man eine deutliche Botschaft, versichert Vangeel: Woanders laden gehen - zumindest, wenn man nicht gerade ganz dringend Strom braucht, könnte man in Gedanken hinzufügen.
Boris Schmidt