Mal kurz nicht aufgepasst oder es zu eilig gehabt und schon liegt der Teller samt Spaghetti auf dem Esszimmerboden. In so einer Situation haben viele den Reflex, das Desinfektionsspray zu zücken. Dabei ist das gar nicht nötig, wie das sympathische Spaghettimonster im Kampagnenvideo zu SicherPutzen.be erklärt. Es sei doch nur ein Teller Nudeln, keine Bakterienbombe. Da reiche doch ein großes Stück Küchenrolle - und schon ist das Problem erledigt. Das Gleiche gilt für Matsch. Und den findet man erstaunlich oft in der Wohnung, wie Eltern und Haustierbesitzer sicher bestätigen können.
Die Botschaft der Kampagne: Ruhigbleiben, Durchatmen und das Desinfektionsspray weglegen. Ein nasser Lappen mit Seife reicht vollkommen. Was auf der Seite auf humorvolle Weise vermittelt wird, hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Die Belgier setzen im Haushalt immer mehr Desinfektionsmittel ein. Oft, ohne sich der Gefahren für sich, ihre Angehörigen und der Umwelt bewusst zu sein.
Desinfektionsmittel sind alles andere als harmlos. Die enthaltenen Biozide, die Mikroorganismen und andere Schädlinge töten, können auch Haut, Augen und Atemwege stark reizen. Über das Abwasser können die Substanzen auch Wasserorganismen ernsthaft schaden. Hinzu kommt noch ein ganz grundsätzliches Problem: Viele Anwender lesen die Gebrauchsanweisung oder Warnhinweise auf den Reinigungsprodukten nicht. Das kann Folgen haben, sagt Vincent Dehon vom Gesundheitsministerium in der RTBF.
Oft würden Desinfektionsmittel eingesetzt, wo das gar keinen Sinn mache. Oder auf eine Weise, die ihre Wirksamkeit stark herabsetze oder sie sogar komplett unwirksam mache. Fast die Hälfte der Anwender ist sich zum Beispiel nicht bewusst, dass auch Reinigungsmittel oft ein Verfalldatum haben oder dass man gerade Desinfektionsmittel eine gewisse Zeit lang einwirken lassen muss, damit sie etwas bringen. Oder dass man vor dem Desinfizieren erst einmal mit normalen Reinigungsmitteln vorputzen sollte, weil Dreck die Effektivität von Desinfektionsmitteln beeinträchtigen kann. Das führt dazu, dass sie sich und andere im Haushalt lebende Personen unnötig potenziell gefährlichen Substanzen aussetzen.
Eine weitere Gefahr ist unzureichendes Lüften nach der Benutzung von Desinfektionsmitteln. Auch das kann zu Reizungen durch ungewollten Kontakt mit schädlichen Substanzen führen.
Allein im letzten Jahr gingen bei der Antigiftzentrale über 780 Anrufe wegen Zwischenfällen mit Desinfektionsmitteln ein. Beispielsweise, weil Kinder die Mittel in die Hände bekommen hatten.
Reizungen der Augen oder Atemwege, Übelkeit und Erbrechen nach Verschlucken - all das gehört zum Alltag für die Spezialisten des Antigiftzentrums. Ein weiterer Klassiker: die Entwicklung gefährlicher Dämpfe durch das Mischen verschiedener Reinigungsmittel.
All das sind oft komplett vermeidbare Risiken, denn Desinfektionsmittel werden im Haushalt eigentlich nur für sehr spezifische Situationen gebraucht, etwa bei ansteckenden Krankheiten, beim Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder auch bei Schimmel. Aber selbst in diesen Fällen muss nicht die ganze Wohnung desinfiziert werden - es reicht, sich auf die direkt betroffenen Oberflächen zu beschränken. Im Normalfall reiche Wasser und Seife oder ein milder Allzweckreiniger, unterstreicht der Experte des Gesundheitsministeriums.
- Mehr über den richtigen Umgang mit Desinfektionsmitteln gibt es auf der Kampagnen-Website SicherPutzen.be.
- Bei Unfällen mit Chemikalien ist die Giftnotrufzentrale rund um die Uhr und kostenlos unter der Telefonnummer 070/245.245 erreichbar.
Boris Schmidt